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09. Dezember 2016 | 08:49 Uhr

Heute 1000. Tatort : Furtwängler und Milberg steigen ins „Taxi nach Leipzig“

vom
Aus der Onlineredaktion

Der „Tatort“ feiert heute Jubiläum: Der 1000. Film der Kultreihe heißt wie der erste aus dem Jahr 1970

Auf Seminaren der Polizeiakademien lässt sich viel lernen. Deeskalationstechniken zum Beispiel – also sprachliche Möglichkeiten der Entschärfung, wenn etwa ein aggressiver Mensch seine Umgebung bedroht. Ohne einander zu kennen, besuchen die Hauptkommissare Borowski (Axel Milberg) aus Kiel und Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover so eine Schulung im niedersächsischen Braunschweig. Der introvertierte Borowski gewinnt dabei keinen sehr guten Eindruck von der forsch auftretenden Kollegin, die ihm die letzte Brötchenhälfte vom Büffet wegschnappt.

Doch kurz darauf bekommen die beiden Polizisten nur allzu heftig Gelegenheit, einander tief in die Seele zu blicken. Und voller Todesangst die erlernten Techniken anzuwenden. Denn Lindholm und Borowski steigen in ein „Taxi nach Leipzig“. Zu einem Fahrer, der vor ihren Augen einem Mann das Genick bricht und beide warnt, bei Fehlverhalten auch sie umzubringen.

Bemerkenswerte „Tatort“-Fälle

• „Reifezeugnis“ (1977): Vermutlich der bekannteste Film aus der Reihe. Nastassja Kinski ist erst 15 Jahre alt, als sie für diesen Krimi viel nackte Haut zeigt. Wolfgang Petersen, der später mit „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ Welterfolge feierte, setzte den Mordfall gekonnt in Szene.

• „Duisburg-Ruhrort“ (1981): Eines seiner ersten Worte ist „Scheiße“. Die „Tatort“-Zuschauer wissen im Jahr 1981 sofort, woran sie bei Kriminalhauptkommissar Horst Schimanski sind. Das Publikum liebt Schimmi, diesen Ruhrpott-Proll mit Schnauzbart und  Windjacke.

• „Franziska“ (2014): Zum ersten Mal in mehr als 40 Jahren wird ein „Tatort“ aus Jugendschutzgründen ins Spätprogramm verbannt. Tessa Mittelstaedt verabschiedet sich mit dieser Folge  aus dem Kölner „Tatort“. Ihr letzter Auftritt als  Bewährungshelferin Lüttgenjohann beginnt damit, dass sie als Bewährungshelferin einen Vergewaltiger (Hinnerk Schönemann) im Gefängnis besucht.

Die 1000. „Tatort“-Episode heißt genauso wie der aller- erste Krimi vom 29. November 1970, als der Hamburger Kommissar Trimmel (Walter Richter) gemeinsam mit dem Ost-Berliner Stasi-Mann Lincke (Erwin Klietsch) an der Transitautobahn ermittelte. Der Titel des wie damals wieder vom NDR produzierten Films ist eine Verbeugung vor den Pionieren der Kultreihe, die als letztes TV-Format regelmäßig etwa zehn Millionen Zuschauer zu einem festen Sendetermin versammelt und seit einigen Jahren gerade bei jungen Leuten gut ankommt. So hat der „Tatort“ 900 000 Fans bei Facebook und 180 000 Follower bei Twitter.

Infografik: So viele Leichen gab es in 1.000 Folgen Tatort | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista 

Zum Jubiläum gelang einmal mehr ein packendes Thriller- und Psychodrama, ein ungewöhnliches Kammerspiel dazu. Es spiegelt nicht mehr den Kalten Krieg, sondern die Kämpfe deutscher Soldaten anderswo. Für Buch und Regie zeichnet Alexander Adolph verantwortlich, der als Autor des „Tatort“-Krimis „Im freien Fall“ (1997) den Grimme-Preis erhielt und 2014 mit Furtwänglers Fall „Der sanfte Tod“ Furore machte. Der Münchner Fernsehmacher sorgt für die erste Zusammenarbeit der beiden beliebten, charakterlich so unterschiedlichen Kommissare. Und er führt innere Monologe ein – man hört, was Geiselnehmer und Opfer denken und fühlen. Als Leckerbissen gibt es kurze Wiedersehen mit Mitwirkenden von einst. So sind Günter Lamprecht und Hans Peter Hallwachs dabei, ebenso Karin Anselm, die ab 1981 als Hanne Wiegand ermittelte. Friedhelm Werremeier, Autor des ersten „Tatort“, markiert einen wortlosen Kneipengast.

Nur für harte „Tatort“-Fans

Wer auf einen Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ scharf ist, sollte sich mal ins Berliner Museum für Film und Fernsehen begeben. Dort sind  in der Sonderschau „1000 Tatorte – Alle Filme. Alle Fälle“ sämtliche Folgen in der Mediathek abrufbar. Sollte jemand tatsächlich alle Krimis der Kultreihe innerhalb der Öffnungszeiten ohne Unterbrechung angucken wollen,  braucht er  ab 14. November – für insgesamt 1488 Stunden und 25 Minuten Programm – Urlaub bis zum 11. Juni 2017 um 16.25 Uhr. Dann ist er durch.

Neben allen „Tatort“-Folgen können Fans in der Berliner Schau auch einige ausgewählte Requisiten aus der Serie sehen. Ausgestellt ist u.a. eine blutbefleckte Schimanski-Jacke oder der Dienstausweis von Klara Blum (Eva Mattes).

Besonders ist jedoch vor allem, dass fast der ganze Film in einem Auto spielt (das für die Dreharbeiten an drei Seiten aufgesägt wurde). Eine Grundkonstellation, wie sie Großmeister Hitchcock gemeint haben könnte, als er vor Jahrzehnten von einem „Krimi in einer Telefonzelle“ träumte. Und die bereits Hollywood-Regisseure wie Martin Scorsese im Kino-Hit „Taxi Driver“ (1976) und Michael Mann erfolgreich in „Collateral“ (2004) inspiriert hat.

 

Bei Autor Adolph herrscht tiefschwarze Nacht an den Straßen nach Sachsen. Regen peitscht, Lichter flirren. Wölfe heulen im Wald. Im Inneren des Wagens entspinnt sich ein brutaler, schauspielerisch fein entwickelter Machtkampf, der die Kommissare an ihre menschlichen Grenzen führt. Ihr Fahrer (Florian Bartholomäi), das bekommen beide dank ihrer Fragetechnik bald heraus, ist ein hoch verstörter, einstiger KSK-Elitesoldat nach seinem Einsatz in Afghanistan. Dort hat der junge Mann wegen eines falschen Befehls eines Vorgesetzten harmlose Zivilisten getötet. Als er mitbekommt, dass der Vorgesetzte seine eigene große Liebe Nicki (Luise Heyer) in Leipzig heiraten will, rastet der Psychopath aus und rast in die Stadt. Er lässt sich dabei eben nicht von zwei vor Angst schwitzenden Polizisten aufhalten. Deren Deeskalationsversuche verwandelt der auf diesem Gebiet exzellent geschulte Soldat in ein sadistisches Spiel.

Ermittler, Städte, Stars und Leichen

Mannheim ist die heimliche Hauptstadt des „Tatort“-Krimis. Nicht weil dort ein TV-Team ermittelt, sondern weil dort der Kopf der wohl wissensreichsten Fans der Krimireihe lebt: François Werner. Der heute 43-Jährige gründete vor fast 20 Jahren die Website „tatort-fundus.de“. Zusammen mit  acht weiteren Experten schaut er die Krimis besonders akribisch an und wertet sie aus. Einige Fragen und Antworten aus diesem Wissensfundus zu 1000 Krimis:

• Die offizielle Zählweise der ARD unterschlägt genau genommen 13 Folgen der Reihe, die zwischen 1985 und 1989 nur in Österreich gezeigt worden sind. Es gibt also eigentlich bereits 1013 Filme der Gemeinschaftsproduktion von Deutschland, Österreich und der Schweiz.

• Der längste „Tatort“ dauerte 119 Minuten: die Folge „Der Richter in Weiß“ (1971); die kürzeste 56 Minuten: „Der Boss“ (1971).

• Als erste Ermittlerin der Reihe schickte der damalige Südwestfunk  am 29. Januar 1978 die Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) ins Rennen.

• Die Münchner Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) waren seit 1991 in 73 Folgen zu sehen und sind damit Rekordhalter der Reihe.

• Die dienstälteste Ermittlerfigur innerhalb der Reihe ist jedoch Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Sie ermittelt seit Ende Oktober 1989 in Ludwigshafen – in bislang 64 Folgen.

• Fast ein Zehntel aller „Tatort“-Krimis –   98  – kamen bisher aus   München.

 • Die Experten vom „Tatort-Fundus“ zählten bisher 2280 Leichen. Im Schnitt gab es also 2,3 Tote pro Krimi.

• Die preisgekrönte HR-Folge „Im Schmerz geboren“ (12. Oktober 2014) mit Ulrich Tukur in einer Art Western weist die meisten Opfer auf:  51 Tote.

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