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Leute

09. Dezember 2016 | 08:43 Uhr

Wochenendinterview Peter Maffay : Ein Mann und seine Freunde

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Peter Maffay über Freundschaft, Liebe und Religion

Mit 17 Nummer eins-Alben ist Peter Maffay Deutschlands erfolgreichster Rockstar. Gerade ist er zur jüngsten „Tabaluga“-Tournee aufgebrochen – mit über 60 Shows die größte von allen. „Es lebe die Freundschaft“ ist das Motto der Tour. Mit dem Wochenend-Magazin sprach er über Fans, aus denen Freunde wurden, die Rückkehr zur Religion und sein umfangreiches humanitäres Engagement.

Herr Maffay, Sie sind gerade 67 geworden. Als normaler Arbeitnehmer dürften Sie spätestens jetzt die Gitarre fallen lassen, weil das Rentenglöckchen gebimmelt hat.

Als ich mit 14 die Gitarre in die Hand genommen habe, da habe ich genau versucht, das zu vermeiden, was mir normalerweise blühen würde. Ich wollte einen Beruf, in dem diese Parameter nicht gelten. Die Zeiten haben sich verändert, man sieht das Alter anders. „Traue keinem über 30“ sagt heute keiner mehr. Andere Faktoren sind viel entscheidender und solange ich Spaß an der Arbeit und eine Zielsetzung habe, gibt es für mich keinen Grund, mich in solche Gedanken zu vertiefen.

Lindenberg, Grönemeyer, Westernhagen, Maffay – die vier populärsten deutschen Rockmusiker spielen mittlerweile alle in der Ü-60-Band.
Und wenn man in andere Länder wie Spanien, England, Frankreich und USA schaut, sieht es ähnlich aus.

Woran liegt es, dass jüngere Rockmusiker heute nicht mehr diese Aura, das Charisma, die Popularität entwickeln wie die vier genannten?

Das haben sie doch, einige zumindest. Man kann nicht sagen, es gebe diese Typen nicht mehr. Aber das Umfeld existiert nicht mehr, das so eine Entwicklung ohne Weiteres zulässt. Wir vier hatten das Glück, uns in einer Zeit entwickeln zu können, in der diese Dimension leichter möglich war. Mittlerweile hat sich der Musikmarkt grundsätzlich verändert, die Zahl der verkauften Tonträger und die Vermarktung, die wir früher hatten, sind heute kaum noch möglich. Damals gab es zwei Fernsehsender und eine Unterhaltungsshow erreichte 20 oder 25 Millionen Zuschauer. Ein einziger TV-Auftritt reichte mitunter, um einen Hit zu landen. Vieles ist durch die Medienvielfalt und die neuen Medien kleinteiliger und kurzlebiger geworden. Jemanden kontinuierlich aufzubauen steht deshalb schon lange nicht mehr an erster Stelle auf der Agenda einer Tonträgerfirma, das können die sich meistens gar nicht mehr leisten.

Was sagen eigentlich die Freunde Ihres zwölfjährigen Sohnes dazu, dass der so einen berühmten Vater hat?

Nicht viel, weil Yaris das nicht thematisiert und seine Freunde eigentlich auch gar nicht genau mitbekommen, was ich mache. Er geht ja auf Mallorca in die Schule, daher kennen mich nur ein paar seiner Freunde.

Sie sind auf Mallorca also wirklich incognito?

Einige wenige spanische Freunde und Familien wissen natürlich, was ich mache, aber für die ist das nicht unbedingt wichtig. Wenn ich ins Dorf gehe, bin ich Peter von der Finca Ca’n Sureda, und dass der auch Musik macht, ist vielleicht in der Bar Espanol ein Thema.

Yaris bringt seine Freunde also auch mit nach Hause wie andere Jungs das auch tun?

Ja, sicher. Sie verbringen die Zeit zusammen, und wenn mal einer ein Instrument herumstehen sieht, dann fragen sie, ob sie mal spielen dürfen. Mehr nicht.

Aus Vätern und Söhnen werden irgendwann bestenfalls mal Freunde. Sind Sie da mit Yaris auf einem guten Weg?

Aus Gründen der Authorität bezeichnet ein Sohn seinen Vater in jungen Jahren noch nicht als Freund, da ist er zunächst mal der Papa. Erst gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen schaffen die Basis für den Begriff Freund. Bei mir hat es auch eine ganze Weile gebraucht, bis ich meinen Vater als Freund bezeichnet habe. Am Anfang habe ich das sehr vorsichtig gemacht, weil ich nicht wusste, wie er es aufnimmt. Jetzt, wo wir altersmäßig immer mehr in dieselbe Liga reinrutschen – mein Vater ist 90 – ist es eindeutig so, dass er einer meiner besten Freunde ist. Weil das so ist, wünsche ich mir das bei meinem Sohn natürlich auch, aber das entscheidet er, wenn es so weit ist. Ich bin schon sein Freund – er muss noch rausfinden, ob er meiner sein will.

Haben Sie eigentlich schon die Bekanntschaft von Maha Vajiralongkorn gemacht?

Ich habe keine Ahnung, wer das ist.

Ihr neuer Nachbar in Tutzing. Ein thailändischer Prinz, der womöglich bald König wird.

Ach, der hat dieses Haus gekauft? Dann hat er sich ja ’ne gute Ecke ausgesucht (lacht). Vielleicht wohnt er ja auch noch gar nicht da, an dem Haus wird zumindest noch gearbeitet.

Haben Sie eigentlich noch alte Freunde in Rumänien?

Ja. Aber nicht mehr viele, weil die meisten so wie wir irgendwann abgehauen sind. Es gibt aber noch einige, mit denen ich bis zu meinem 14. Lebensjahr eine gemeinsame Zeit in Kronstadt verbracht habe. Und es gibt auch einige, beziehungsweise deren Kinder, die jetzt wieder zurückkehren. Ich finde diese Entwicklung gut, weil sie nichts mit Revanchismus zu tun hat, sondern mit dem Zusammenwachsen Europas. Da kommt ja niemand aus Deutschland, Österreich oder sonst woher und sagt, er wolle sein Eigentum zurück haben. Die Leute interessieren sich für ihre Wurzeln, die Geschichte, die Kultur und das Land. Die Liebe zu einem Landstrich kann Menschen verbinden. So werden Brücken gebaut.

Wenn man reich und berühmt wird, kommen zu den guten Freunden auch mal falsche Freunde dazu. Haben Sie diese Erfahrung auch machen müssen?

Ich glaube nicht, dass man reich und berühmt sein muss, um Erfahrungen mit falschen Freunden zu machen. Aber es ist natürlich richtig, dass manchmal auch Leute aufkreuzen, die etwas zum Eigennutz wollen und das aber nicht zu erkennen geben. Ich weiß, dass so etwas passieren kann, aber ich glaube, dass ich durch meine Erziehung und mein Umfeld gut genug davor geschützt bin. Der Irrtum, dem ich manchmal erliege, geht eher in die andere Richtung.

Inwiefern?

Indem ich Leute falsch einschätze und sich jemand, der mir auf den ersten Blick unsympathisch ist, kurz darauf als sehr sympathisch erweist. Das ist für mich durchaus manchmal ein Anlass, an meiner Urteilskraft zu zweifeln.

Können Sie dann über Ihren Schatten springen und dem anderen sagen „Tut mir leid, ich habe mich in dir getäuscht“?

Ja. Ich bilde mir ein, gelernt zu haben, keine Zeit zu vergeuden. Wenn irgendetwas abzuhandeln ist, versuche ich das immer gleich zu erledigen und nicht zu warten. Das hat den Nachteil, dass ich manchmal ein bisschen vorschnell urteile. Dazu gehört dann aber auch, dass ich mir selbst und dem anderen die Fehleinschätzung eingestehen muss.

Sie haben vier Ehen hinter sich – wie viel Freundschaft bleibt von einer Beziehung, wenn sie mal zerbrochen ist?

Das ist sehr unterschiedlich. Und es ändert sich auch mit der Zeit, die vergeht. Es gibt Brüche, die am Anfang unüberwindbar scheinen: Bruch, Schluss, nie mehr wieder. Und manchmal entsteht aus diesem „Nie mehr wieder“ doch noch etwas Neues. Nicht mehr auf demselben Level wie vorher, aber mit einer gewissen Akzeptanz und Respekt und daraus resultierend einer angenehmen Normalität.

Wie definieren Sie den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe?

Das ist eine gute Frage. (Denkt lange nach) Freundschaft und Liebe sind manchmal überlappend. Ohne Liebe geht Freundschaft eigentlich nicht. Ich liebe auch einen Freund, zwar nicht körperlich, aber ich liebe ihn. Liebe ist eh der Motor von allen guten Verhaltensnormen. Zu einer Freundschaft gehört Liebe, und zur Liebe gehört Freundschaft. Du solltest mit einer Frau, in die du verliebt bist, auch befreundet sein.

Haben Sie auch Freunde, die anfangs nur Fans waren?

Ja. Es gibt einen, er heißt Albert Rung. Er kommt aus einem hochliegenden Tal in Südtirol. Albert stand irgendwann als 16-oder 17-Jähriger im Publikum und outete sich als Mega-Fan. Er hatte eine schwierige Lebensphase und einen sehr schweren Unfall überstanden und ist uns über die Songs und deren Inhalte nähergerückt. Das Verhältnis wurde immer intensiver, aber auf eine völlig unaufdringliche Art. Er war stets respektvoll, sehr interessiert und immer da, wenn wir gespielt haben oder es eine Veröffentlichung gab. Jedes Jahr im Herbst kam er mit einer Kiste voller Äpfel aus Südtirol und wiederholte jedes Mal eine Einladung, die ich nie angenommen habe...

Bis?

...ich irgendwann sagte: Okay, ich besuch dich mal. Das habe ich dann auch gemacht. Ich war ein paar Tage mit meinem Kleinen bei ihm. Albert hat eine sehr hübsche Tochter, die er alleine aufgezogen hat und die heute in Innsbruck studiert. An ihm habe ich Dinge entdeckt, die mir gefallen haben.

Zum Beispiel?

Sein Umgang mit Menschen. Außerdem ist Albert ein sehr gläubiger Mensch und hat diesen Aspekt auch bei mir entdeckt, obwohl ich schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten bin. Durch ihn bin ich auf ganz eigene Art und Weise wieder in Glaubensfragen eingestiegen.

Sind Sie heute wieder Mitglied der Kirche?

Das nicht, aber absolut gläubig. Irgendwann habe ich zu Albert gesagt: Ich brauche so ein Kruzifix, das man sehen kann, wenn man bei mir zum Tor reinkommt oder das Haus verlässt. Er hat es mir dann nicht nur besorgt, sondern auch weihen lassen und mir sogar einen Brief des Pastors mitgebracht, der dieses schön geschnitzte Holz-Kruzifix gesegnet hat.

Hält der Kontakt zu Albert bis heute?

Vor eine Woche klingelte es bei mir an der Tür – und wer steht draußen? Albert mit Äpfeln (lacht).

Haben sich auch über die Tabaluga-Stiftung Freundschaften entwickelt?

Ja, aber da mehr mit den Mitarbeitern. Die Stiftung fordert uns wirklich sehr, allein das Engagement in Rumänien und die Gegebenheiten im Dorf Radeln sind ein sehr komplexes Thema. Sinti und Roma hatten gerade in den ehemaligen Ostblockstaaten nicht mal mehr am Rande der Gesellschaft einen Platz, sie waren eigentlich gar nicht da, quasi unsichtbar. Ceausescu hat sie in dieses Dorf gepackt und Themen wie Arbeit, Bildung und Perspektiven einfach ausgeblendet. Als wir dorthin kamen, haben wir diese Erosion sehr deutlich gesehen.

Woran?

An den kaputten Häusern, an einer von Schlaglöchern übersäten Straße, an fehlender Kanalisation, fehlender Trinkwasserversorgung, fehlender medizinischer Versorgung, an den Tagelöhnern, die um schlecht bezahlte Jobs konkurrieren. Wir sind dahin gegangen – nicht ahnend, dass es so heftig werden würde.

Welche Aufgabe haben Sie sich da gestellt?

Obwohl es so nicht in unseren Statuten steht, haben wir uns als Stiftung gefagt, welchen Beitrag wir leisten können, um die Lebensumstände der Menschen in dem Dorf zu verbessern. Und dann ging es los: Ich war etliche Male in Bukarest, habe in Ministerien vorgesprochen, habe Geld gesammelt. Das hat dazu geführt, dass in diesem Jahr die dreieinhalb Kilometer lange Straße von der Hauptstraße ins Dorf asphaltiert wird. Wobei der Vorteil nicht in der Asphaltdecke besteht, sondern in der Tatsache, dass unter dieser Asphaltdecke eine Kanalisation liegt. Das Dorf wird zum ersten Mal mit einer Kanalisation versehen. Außerdem haben wir versucht, die öffentliche Sicherheit im Dorf zu verbessern. Wenn es keine Arbeit gibt, sind Kriminalität und Prostitution eben die Wege, um sich über Wasser zu halten.

 

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erstellt am 15.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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