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03. Dezember 2016 | 14:41 Uhr

Silly : Diese Band ist voll von guten Songs

vom
Aus der Onlineredaktion

Neues Silly-Album „Wutfänger“. Am Sonnabend Konzert in Rostock

Anna Loos gehört nicht zu den Filmstars, die ihre Prominenz gezielt für Zweitkarrieren am Mikrofon nutzen und mit seichtem Gesülze nerven. Denn die Songs ihrer Band Silly tun zum Teil richtig weh. Auf dem aktuellen Album „Wutfänger“ singt Loos mit musikalischer Unterstützung von Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jäcke Reznicek gegen so ziemlich alles an, was ihr derzeit gegen den Strich geht. Olaf Neumann traf Anna Loos in Berlin. Diesmal gehen sämtliche Texte auf ihr Konto.

Ist „Wutfänger“ ein Frauenalbum geworden?
Anna Loos: Nein, denn ein paar Texte entstanden gemeinsam mit Alex-ander Robert Freund. Es sind die Themen, die uns vier umtreiben. Deshalb mussten die Ideen auch aus der Band kommen. Silly hatte schon immer eine Haltung, das hat mich an dieser Band schon früher als Fan beeindruckt. Man kann als Sängerin nur authentisch sein, wenn man selber eine Haltung hat, die in den Texten zum Tragen kommt.

Bekommt man noch größeren Respekt vor einem Song, wenn man den Text selbst geschrieben hat?
Nein. Als ich in diese Band eingestiegen bin, spielten wir erst einmal die Songs, die Silly mitgebracht hatte. Das ist eine große Schatzkiste. Ich kann nicht behaupten, dass ich davor weniger Respekt hatte oder habe. Für mich ist ein guter Song ein guter Song, und diese Band ist voll davon. Deshalb habe ich hier auch meine musikalische Heimat gefunden. Ich bin so froh, Teil von Silly zu sein.

„Regenbogenmond“ dreht sich um Kindesmissbrauch. Was brachte Sie dazu, dieses schwere Thema in einem Song zu verarbeiten?
Das ist ein Thema, das uns interessiert. Wir haben alle Kinder. Wir sind auf eine Doku gestoßen, die uns zutiefst erschüttert hat. Dieses brisante Thema wird in den westlichen Industrienationen überhaupt nicht diskutiert, die Opfer haben keine Lobby. Deshalb sollte unser Song auch richtig weh tun.

Wie recherchieren Sie für solch einen Song?
Natürlich recherchiere ich auch Sachen, aber nicht bei jedem Song. Neben der besagten Doku habe ich mich u.a. mit dem Leiter des Instituts für Rechtsmedizin Berlin-Brandenburg unterhalten. Auf seinem Tisch liegen die geschundenen Körper der kleinen Kinder, die es nicht geschafft haben. Ich kenne auch zwei Frauen, die als Kinder missbraucht wurden und die, so gut es geht, ihr Leben leben. Ich weiß, diesen Schaden kann man nicht mehr reparieren.

Was wollen Sie mit diesem Song bewirken?
Nur die wenigsten, die nebenan ein Kind schreien hören, gucken nach, was da wohl los ist. Viele Kindesmisshandlungen werden von Vätern oder Lebensgefährten begangen. Die Mütter haben davon angeblich nichts bemerkt.

Was versteckt sich hinter der Wortkreation „Wutfänger“, die von Ihnen zum Albumtitel erhoben wurde?
Unsere Gedanken drehen sich momentan sehr um gesellschaftspolitische Dinge. Schon als wir vor zwei Jahren mit der Arbeit an dem Album begannen, war die Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland für uns ein Thema. Den Ruck bekommen wir jetzt schon ansatzweise zu spüren. Wir sind fassungslos darüber, dass die Volksparteien nicht versuchen, den Leuten ihre Ängste zu nehmen oder auf sie einzugehen, um das Ruder irgendwie rumzubiegen. Die AfD ist in viele Parlamente eingezogen. Ich persönlich frag mich: Was ist hier los?

Wer sich heutzutage in politische Debatten einmischt, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Sind Sie darauf vorbereitet?
Wir haben ja keinen Song geschrieben, der sagt, die AfD ist doof. Ich finde, es ist eine Frechheit seitens der Politik, die Menschen zuerst mit ihren Ängsten allein zu lassen – und wenn diese dann die AfD ankreuzen, werden sie von den Politikern als dumm tituliert. Die AfD ist aus ganz vielen verschiedenen Gründen gewählt worden. Natürlich tragen auch die Volksparteien die Schuld daran, weil sie die Wähler nicht abgeholt haben. Wir stellen uns nicht mit erhobenem Zeigefinger hin und sagen: Das hättet ihr nicht machen sollen! Aber wir sagen, dass es falsch ist, die AfD zu wählen.

Warum?
Weil diese Partei keine Alternative für Deutschland ist. Dieser Name ist eine Lüge! Wir sind gegen einen Rechtsruck und gegen Rechtspopulismus und für Fremdenfreundlichkeit und Weltoffenheit. Die Flüchtlinge aus den Krisengebieten sollen aufgenommen werden. Aber gleichzeitig muss auch für die Kinder und die Alten, die hierzulande an Armut leiden, Geld locker gemacht werden.

Ein Song auf dem Album heißt „Wir sind frei“. Was bedeutet Ihnen Freiheit?
In dem Lied kommt das Zitat „Die Gedanken sind frei“ vor. Freiheit ist ein großes Wort. Wäre ich nicht in der DDR aufgewachsen mit einer großen Sehnsucht zur Freiheit und hätte ich meine Flucht, die Wende und das alles nicht erlebt, würde ich wahrscheinlich nicht auf die Idee kommen, dieses Wort zu benutzen. Es hat schon auch etwas mit unserer Historie zu tun. Aber eigentlich geht es in dem Song um die Freiheit der Gedanken. Im Kopf kann ich alles machen.

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