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Leute

07. Dezember 2016 | 17:20 Uhr

Wochenend-Interview : Die Jüngeren sollen ran

vom
Aus der Onlineredaktion

Moderator Thomas Roth verabschiedet sich am 2. Oktober von den „Tagesthemen“.

Nach gut drei Jahren verabschiedet sich „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth vom Fernsehpublikum. Souverän und professionell hat der 64-Jährige die wichtigste Nachrichtensendung der ARD geführt. Im Interview erläutert der Journalist, dass er keine Sorge um die künftige Qualität hat und blickt auf ein bewegtes Berufsleben zurück.

Herr Roth, wie sollen die Bundesbürger künftig ohne ihr „Kommen Sie gut die Nacht“ durch selbige kommen?
Ach, ich glaube, das gelingt ihnen ganz leicht. Ich habe ja mit Ingo Zamperoni einen tollen Nachfolger, über den ich mich sehr freue. Ich bin gespannt, was er den Zuschauern sagen wird.

Wie sind Sie vor gut drei Jahren auf dieses Betthupferl gekommen?
Das weiß ich noch sehr genau: Es war mein vorletzter Tag in New York, und ich ging noch einmal durch den Central Park spazieren. Dabei kam ich auch am Dakota-Haus vorbei, wo einst John Lennon wohnte. Davor auf dem Strawberry-Fields-Platz spielen oft Musiker die Songs von den Beatles auf der Straße. Plötzlich kam jemand in meinem Alter, ebenfalls graue Haare, mit der Gitarre um die Ecke und sang „Whatever Gets You Through The Night“ von John Lennon. Ich bin ja immer ein großer Verehrer von Lennon gewesen. Da habe ich mir überlegt: Ich nehme John einfach mit nach Deutschland und mache daraus den Gruß „Kommen Sie gut durch die Nacht“.

Ist der Spruch nicht auch eine Art Beschützerformel nach dem Motto „Passen Sie gut auf“?
Daran hatte ich anfangs gar nicht gedacht. Aber in der Tat: Immer wieder haben mir Zuschauer gemailt, dass sie den Spruch auch deswegen so nett finden, weil sie das Gefühl hätten, dass jemand bei ihnen ist. Darüber habe ich mich gefreut, weil ich nicht nur ins Wohnzimmer durfte, sondern auch zur Beruhigung beitragen konnte angesichts der vielen beunruhigenden Nachrichten, die wir tagtäglich präsentieren.

Sind Sie selbst ein Nachtmensch?
Ja. Als Journalist neigt man ohnehin dazu, bis in die Nacht zu arbeiten, erst recht bei den Tagesthemen. Da kann es gerade am Wochenende auch mal sehr spät werden. Und in meiner Moskauer Korrespondenten-Zeit war ich wegen der Zeitverschiebung meist erst nachts um halb eins dran. An den Rhythmus gewöhnt man sich. Nach den Tagesthemen mache ich mir zuhause oft noch einen südafrikanischen Roibos-Tee und lese mich in den Schlaf. Der Biorhythmus verändert sich natürlich in der Woche, wenn man die Tagesthemen macht. Ich komme in der Regel morgens um elf in den Sender und erreiche den Höhepunkt um 22.30 Uhr. Da darf man sich keine Müdigkeit leisten. Denn wir müssen dem Publikum vermitteln, dass wir den ganzen Tag dafür gearbeitet haben, was jetzt kommt.

Mussten da starke Espressi her?
(lacht) Nein, ich trinke den ganzen Tag über milden Kaffee. Das Adrenalin vor jeder Sendung hält auch wach.

Wie sind die Reaktionen der Zuschauer darauf, dass Sie sie nach gut drei Jahren wieder verlassen?
Die Zuschauer schreiben mir oder sprechen mich auf der Straße an, aber noch keiner hat mir gesagt: Gottseidank sind Sie endlich weg! (lacht) Meist höre ich so etwas wie: „Jetzt haben wir uns so an Sie gewöhnt und an Ihre weißen Haare. Schade, dass Sie gehen.“ Das höre ich natürlich gerne und bedanke mich. Aber ich hatte von vornherein gesagt, mit 65 ist Schluss. Und irgendwann sollen ja auch die Jüngeren ran. In diesem Fall Ingo Zamperoni. Er repräsentiert eine andere Generation, wird es anders machen und eine andere Ausstrahlung haben.

Fehlt uns dann nicht der alte Kapitän, der uns durch die Nacht schifft?
Ich glaube nicht. Die Zeiten haben sich auch sehr verändert. Ich habe wirklich den Eindruck, dass weniger das Alter zählt, sondern die Kompetenz. An dem Tisch soll und wird auch jetzt wieder einer stehen, der Ahnung hat von dem, was in der Welt passiert, der eine international geprägte Biografie hat. Das akzeptieren die Leute. Ingo ist 42 und damit genau im richtigen Alter, um den Stab zu übernehmen. Er ist ein sehr witziger Typ und sehr viel mehr jemand im Vergleich zu mir, der mit social media großgeworden ist und brillant damit umgeht. Das wird heute verlangt.

Was halten Sie von dem Format „heute+“?
Ich finde es interessant. Ich finde ohnehin alles interessant, was experimentiert, neue Wege öffnet und die junge Generation einbindet. Wir müssen uns alle darüber Gedanken machen, was man verändern und wie man sich den social media öffnen muss.

Wie haben Sie Ihrer Meinung nach die Tagesthemen geprägt und weiterentwickelt?
Das ist eine schwierige Frage. Ich hoffe, durch die Art, wie ich Themen angehe. Mit Distanz, aber durchaus auch mit einer gewissen Empathie. Ich finde, man muss kenntlich sein. Es sollen keine Computer im Studio sein, sondern spürbare Menschen mit gewissen Ansprüchen.

Auch mit Emotionen?
An manchen Stellen haben Sie gar keine Wahl. Natürlich sollte man eine Haltung haben. Ich erinnere mich an meine wohl schwierigste Moderation, an dem Tag, als das Foto von dem kleinen Flüchtlingsjungen Aylan, der tot am Strand lag, in den sozialen Medien geteilt wurde. Wir haben den ganzen Tag in der Redaktion darüber diskutiert, wie wir damit umgehen wollen. Klar war, man muss es zeigen. Es ging ja schon um die Welt. Aber wie zeigst du es, dass die Würde dieses kleinen Jungen nicht verloren geht. Ich habe mich dann in mein Büro gesetzt und eine Moderation geschrieben.

Eine große Herausforderung…
In der Tat. Wir haben das Foto allerdings in der Sendung nicht gleich gezeigt, sondern versucht, die Zuschauer darauf vorzubereiten. Diese Moderation, und bei Stimme zu bleiben, ist mir extrem schwer gefallen. Wichtig ist aber das tägliche Ringen mit solchen Inhalten. Liegen wir richtig, repräsentieren wir jede Seite richtig? Das ist ein schwieriges Geschäft. Wir Journalisten kriegen ja manchmal auch sehr harte Kritik ab, auf die ich, wenn sie unter der Gürtellinie liegt, auch nicht mehr antworte. Aber den Zuschauern wollen wir trotzdem vermitteln, dass wir darum ringen. Es ist nicht so, dass mich der CIA oder die Nato bezahlt, wie mir neulich mal ein Taxifahrer unterstellte. Mich bezahlt außer der ARD niemand. Aber auch wir sind nur Menschen, uns unterlaufen manchmal Fehler. Dann muss man auch die Größe haben, sich zu entschuldigen.

Was geben Sie Ingo Zamperoni mit auf den Weg?
Eigentlich nur: Hab Vertrauen zu dir selbst. Und präsentiere unter den journalistischen Bedingungen immer deine eigene Sicht der Dinge. Ich glaube, dass die Zuschauer sehr darauf achten: Wer ist das? Was will er mir sagen? Hat er eine Kompetenz? Am Anfang meiner Zeit musste ich mir das selbst sagen. Ich war ja als Reporter in vielen Ländern unterwegs. Da hat man das Vertrauen zu sich selbst schon erworben. Aber wenn man dann so stark in der Öffentlichkeit steht wie bei den Tagesthemen, muss man noch einmal mehr das Vertrauen haben, es wird schon gelingen. Darum musste ich zu Beginn schon so manches Mal ringen. Die Leute spüren, wenn man nicht echt ist. Aber diese Ausstrahlung hat Ingo. Das erinnert mich daran, als ich von Gerd Ruge das Moskauer Studio übernehmen durfte. Ich habe sehr an ihm bewundert, mit welcher Gelassenheit er das Studio in meine Hände gab und mir so viele Türen geöffnet hat.

Stichwort Ruge: Können Sie sich vorstellen, so wie er als reisender Korrespondent weiter für die ARD tätig zu sein?
Ich habe mir darüber, ehrlich gesagt, keine Gedanken gemacht. Ich will jetzt erst einmal Luft holen nach so vielen Jahren und die Erfahrung machen, wenn ich nicht mehr so organisiert arbeite. Ich habe erst einmal keine Filme im Kopf, sondern will einen Ort finden, um anzukommen. In diesem Fall wird es für mich Berlin sein, von wo aus ich schon seit einiger Zeit nach Hamburg pendle, mich da einzufinden, Zeit für meine Freunde zu haben. Dann muss ich sehen, was sich entwickelt. Ich habe mir bewusst keine Pläne zurechtgelegt.

Wenn Sie auf Ihre gesamte Karriere zurückschauen: Welche Begegnung war am Nachhaltigsten?
Vor allem die Begegnung mit Nelson Mandela. Das hat wirklich mein Leben geprägt. Als er 1990 aus dem Gefängnis kam, konnte ich eines der ersten Interviews mit ihm führen. Die ausgeprägte Präsenz dieses Mannes hat mich beeindruckt, und seine Zuversicht nach 27 Jahren Haft. Seine erste Rede an das Volk stand ganz im Zeichen der Versöhnung. Das hat mich bis heute geprägt, diese Größe zu haben und nicht Rache zu nehmen.

An den Verantwortlichen der Apartheid-Regierung...
Ich wusste ziemlich gut, was Apartheid bedeutete, ich war oft in den Townships unterwegs und habe gesehen, wie brutal die Polizei dort vorgegangen ist. Das zweite Mal habe ich ihn in Soweto in seinem kleinen Garten getroffen und gefragt, ob er denn nie bittere Gefühle gehabt habe, als er auf Robben Island im Gefängnis saß. Er antwortete, es sei immer besser, ein Optimist als ein Pessimist zu sein.

Sie sind auch Gorbatschow begegnet…
Richtig. Mit Gorbatschow gab es mehrere Treffen. Ich kam im Mai 1991 aus der afrikanischen Sonne direkt nach Moskau und dachte, irgendjemand habe vergessen, das Licht anzumachen. (lacht) Ich konnte Gorbatschow in seinem Arbeitsbüro im Kreml interviewen, da existierte die Sowjetunion noch. Plötzlich sah ich so eine Herde an grau-beigen Telefonen auf seinem Schreibtisch. Ich musste sofort an Joseph Beuys mit seinem Rudel denken. Gorbatschow war auch ein sehr beeindruckender Mann.

Stimmt das Gerücht, dass Sie mit Caren Miosga manchmal auf Russisch geplaudert haben, damit andere nichts mitkriegen?
(lacht) Ja. Caren hat ja Slawistik studiert. Manchmal murmelten wir uns auf Russisch etwas zu. Wir telefonierten ja mehr, als wir uns gesehen haben, weil sie jeweils die andere Schicht hatte. Ich schätze sie sehr als eine kluge Kollegin, und weil sie so eine kleine russische Ecke hat.

Über welche Panne bei den Tagesthemen konnten Sie herzhaft lachen?
Ich hatte einmal eine Grippe, war heiser und nahm einen Pappbecher mit Tee mit ins Studio. Statt den Becher aber hinter dem Tisch zu verstecken, stellte ich ihn darauf und vergaß ihn gedankenverloren, als die Sendung begann. Es dauerte höchstens 30 Sekunden, bis der erste sich im Internet schon darüber lustig machte.

Haben Sie sich für Ihre letzte Sendung am 2. Oktober noch etwas Witziges überlegt?
Ich werde mich verabschieden. Aber wie, das verrate ich nicht.

 

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