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09. Dezember 2016 | 14:38 Uhr

Wolf Biermann : Der preußische Ikarus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Liedermacher und berühmteste Dissident der DDR, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Sein größtes Geschenk an sich selbst – die Autobiografie

Das Foto zeigt Wolf Biermann von hinten: Er steht auf der Bühne nach seinem legendären Köln-Konzert 1976. In der Linken die Gitarre, in der Rechten ein Strauß mit roten Nelken. Die gestreckten Arme etwas über Schulterhöhe. Zu niedrig zum Jubeln, zu hoch für einen gekreuzigten Schmerzensmann. Besser lässt sich dieser Mann nicht im Bild einfangen. Er ist der berühmteste Liedermacher der DDR und ihr berühmtester Dissident. Elf Jahre lang durfte er nicht auftreten. Nur zu Hause in der Chausseestraße 131 gab er Privatkonzerte vor Freunden. Wer ihn in Ostberlin besuchen wollte, musste sich erst mal zwei, drei Stunden seine neuesten Lieder anhören. Als Biermann die Ausreisegenehmigung für ein paar Konzerte im Westen dann endlich erhielt, ließ man ihn danach nicht mehr zurück in die DDR.

40 Jahre ist das jetzt her. Am 16. November hörte Biermann auf der Fahrt nach Bochum im Autoradio von seiner Ausbürgerung. Er sagte das für dort angesetzte Konzert ab und verkroch sich bei Günter Wallraff in Köln. In der gerade erschienenen Autobiografie erinnert er sich: „Wir hielten uns die Meute von der Bild-Zeitung vom Hals, die Tag und Nacht vor der Haustür lauerte … spielten wie durchgedreht Tischtennis, als ginge es um Leben und Tod.“ In der alten Villa von Stephan Hermlin in Niederschönhausen trafen sich unterdessen Schriftsteller und Intellektuelle der DDR und setzten eine Petition auf, aus „Angst, dass sich die Ausbürgerung einbürgern könnte“. Der Anfang vom Ende der DDR. Zwischen Berlin und Leipzig musste die Autobahn gesperrt werden, weil Unbekannte nachts „Biermann, Biermann“ auf die Fahrbahn geschrieben hatten. Es gab zahlreiche Verhaftungen und Abschiebungen.

Selten sind das Schicksal eines Menschen und die Geschichte eines Landes derart miteinander verwoben wie bei Wolf Biermann, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Als Sohn eines Hamburger Werftarbeiters und einer Arbeiterin bekommt er den Kommunismus mit der Muttermilch eingeflößt. Der Vater wird in Auschwitz ermordet, weil er ein illegales Parteiblatt druckt, als der kleine Wolf vier Monate alt ist. Eine Wunde, die lebenslang klafft. Den Hamburger Feuersturm vom 27. und 28. Juli 1943, den er knapp überlebt, empfindet er deswegen als „Himmelsgeschenk“.

Später, bei einem Treffen der Jungen Pioniere in Ostberlin, protestiert der 14-Jährige dagegen, im „Friedenstaat DDR“ das Marschieren zu lernen. Von nun an wird er sich immer wieder mit dem real existierenden Sozialismus anlegen. Sein Verhältnis ist geprägt durch kritische Solidarität. Er bekennt sich zwar zum Kommunismus. Nicht aber zu dem der alten Männer.

Als Regieassistent am Berliner Ensemble lernt er seine erste Frau Brigitt kennen, die ihn ermutigt, Lieder zu schreiben und sich einen Walrossbart stehen zu lassen. Der wird zu seinem Markenzeichen. Als er zu Besuch bei seinem Mentor Hanns Eisler einige seiner Lieder vorspielen soll, weist Biermann ihn erst mal daraufhin, wie verstimmt das Klavier doch sei. Stur ist er, lässt sich nichts sagen.

Die Gitarre ist sein „singendes Holzschwert mit sechs Saiten“. Keine einzige Schallplatte darf in der DDR erscheinen, kein einziger Band mit Gedichten. Obwohl so mancher Kader heimlich Biermanns Lieder mitsingt. „Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit“, dichtet er in seinem Lied „Ermutigung“, das es in Schweden bis ins Kirchengesangbuch schafft. Seine alte Mutter aus Hamburg schmuggelt Biermann in einer Bananenschale ein Sennheiser-Mikrofon in den Osten, damit er zu Hause seine Lieder aufnehmen kann. Das Mikro ist qualitativ so hochwertig, dass es den Straßenlärm gleich mit aufnimmt. Aus der Not macht der Barde eine Tugend: Soll doch alle Welt hören, wenn er zu Hause aufnehmen muss, nicht ins Studio darf und nicht öffentlich auftreten.

In seiner „Stasi-Ballade“ vergleicht er den Geheimdienst, der ihn abhört und alles mitschreibt, mit Goethes Privatsekretär Eckermann. 50 000 Seiten umfasst Biermanns Stasi-Akte. Mehr als 200 Inoffizielle Mitarbeiter bespitzeln ihn im Zentralen Operativen Vorgang „Lyriker“. Auch noch nach der Ausbürgerung in Westdeutschland, wo er 1991 den Georg-Büchner-Preis erhält.

Einer seiner schönsten Texte ist die „Ballade vom preußischen Ikarus“, in dem er den Doppeladler am Geländer der Weidendammer Brücke in Ostberlin besingt, der am liebsten wegfliegen möchte aus diesem „Inselland“, mit seinen schweren „grauen Flügeln aus Eisenguss“, aber nicht kann. Nachzulesen im neuen Band „Im Bernstein der Balladen“, der die besten Lieder und Gedichte Biermanns enthält.

Bücher und Lieder

• Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten!

Die Autobiografie. Propyläen, 544 S., 28 Euro,
ISBN 978-3-549-07473-2
• Wolf Biermann: Im Bernstein der Balladen.

Lieder und Gedichte. Propyläen, 240 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-549-07479-4
• Wolf Biermann: … paar eckige Runden drehn!

CD, Liederproduktion Altona/Indigo

 

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erstellt am 15.Nov.2016 | 12:00 Uhr

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