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Leute

05. Dezember 2016 | 11:30 Uhr

Klare Haltung : Der Andere

vom

Wo ist Heimat? Und was passiert, wenn man sie plötzlich verlassen muss - aus welchen Gründen auch immer? Davon handelt ein TV-Drama, das jetzt im ZDF gezeigt wird.

Das Thema Flüchtlinge ist noch immer eines in diesem Land, auch wenn die Zahlen zurückgehen - und die Emotionen vieler Bürger nicht mehr so hochkochen.

So mancher aus der Fremde wäre froh, wenn er einfach nur Aufnahme und Hilfe fände. Darum geht es in dem Drama «Der Andere», das am Montag (20.15 Uhr) im ZDF zu sehen ist.

Es ist bald Weihnachten, und da sollten alle Menschen eher friedlich gestimmt sein. Nicht jedoch in einem Berliner Aufnahmelager für Flüchtlinge, wo die Sachbearbeiterin Manuela Waller (Karoline Eichhorn) überhaupt nicht weiß, wie sie mit zumeist jungen Menschen reden soll, die offenbar keine gängige Sprache verstehen. Lediglich Nama (Nama Traore) spricht Französisch und gibt an, dass er seine schwerkranke Mutter von Mali nach Deutschland holen will.

Wallers Kollegin Susanne (Katja Riemann) leitet ein Hostel für minderjährige Flüchtlinge und kümmert sich gut um Nama, der noch nicht einmal lesen kann, aber allmählich mehr und mehr Deutsch spricht, und integriert ihn in ein Fußballteam. Als er eines Tages in einer Kirche die liegengelassenen Handschuhe von Willi (Jesper Christensen) an sich nimmt, kommen der alte Mann und der junge Flüchtling zögerlich ins Gespräch.

Willi erzählt von seiner eigenen Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg und will ihn kurzerhand bei sich im Seniorenheim aufnehmen, was natürlich nicht gestattet ist. Nama wird daraufhin vom Amtsarzt auf über 18 eingeschätzt und soll in ein Heim für Erwachsene umziehen. Also zieht Willi mit Nama in das Haus seines Sohnes Stefan (Milan Peschel) ein - wovon der Polizist aber nicht gerade begeistert ist. Zwischen Vater und Sohn steht schon lange eine ungeklärte Schuldfrage, und eigentlich reden sie kein Wort mehr miteinander.

Ansonsten wird durchaus relativ viel geredet in diesem bewegenden Film, der erst allmählich in die Gänge kommt und sich viel Zeit für seine beiden Hauptfiguren nimmt. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Hier der 72-jährige und verbitterte Willi, der von Jesper Christensen großartig gespielt wird, mit viel Verständnis für Flüchtlinge - weil Willi selber mal einer gewesen ist. Sein Sohn hingegen, den Milan Peschel als muffeligen Misanthropen spielt, ist der Meinung, dass Afrikaner nach Afrika gehören.

Nama Traore war als Jugendlicher selbst aus Mali geflohen und spielt hier seine erste Hauptrolle. Seinem verhaltenen Charme kann man sich als Zuschauer nur schwer entziehen.

Die Autorin und Regisseurin Feo Aladag (44, «Die Fremde», «Zwischen Welten») hat einen engagierten Film inszeniert, der eine klare Haltung einnimmt - wider Willkür, Menschenverachtung und Vorurteile und für Nächstenliebe und Respekt. Stellenweise gleicht ihr lebensbejahender Film einem Kammerspiel, so intensiv sind die packenden Szenen gespielt.

«Der Film erzählt vom Glauben an die Möglichkeit eines harmonischen Miteinanders, wenn wir über den Schatten unserer Ängste und Überzeugungen hinauswachsen», zitiert sie das ZDF. «Dialog entsteht, wo Sprachlosigkeit endet. Mein Film erzählt davon, dass das eben manchmal Mut erfordert.»

Die Frage, ob jemand eigene Kinder hat oder nicht, scheint von einiger Wichtigkeit zu sein, wenn es darum geht, das Verhalten gegenüber fremden Kindern zu begründen. Willi offenbart Nama die wahre Tragödie seines Lebens, wozu er seinem Sohn gegenüber nicht fähig war.

Da bleibt für Humor wenig Raum - eine hübsche Szene gibt es dann doch: «Das ist ein Schwarzarbeiter» - sagt Willi zu einer misstrauischen Nachbarin, als sie ein paar Arbeiten am Haus ausführen. Ansonsten ist die Lage offenbar kompliziert: Nama ist nun offiziell über 18, staatenlos, lediglich geduldet. Zu sehen sind Szenen beim Amt, wo es nur um Anträge, Regeln, Richtlinien, Vorschriften geht und nicht darum, eine gerechte Lösung zu finden.

Am Ende wird Nama fast von einem Mob umgebracht. Das Geschehen rund um die Fragen «Wo ist Heimat? Was ist Familie?» gerät endgültig zur Tragödie und wird unnötig brutal. Doch vielleicht wird nur dadurch klar, wofür es sich zu leben lohnt.

Der Andere

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erstellt am 21.Nov.2016 | 00:01 Uhr

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