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03. Dezember 2016 | 14:43 Uhr

Solitär statt Anhängsel : Berlin bekommt wieder eigenes Kulturressort

vom

Berlin lebt von seinem Image als quirlige Kulturmetropole. Bisher hatte der Regierende Bürgermeister das Amt des Kultursenators in Doppelfunktion. Das soll sich jetzt wieder ändern.

Museumsinsel, Staatsoper, Philharmoniker - keine andere Stadt kann mit einem so hochkarätigen Kulturangebot aufwarten wie Berlin. Das Amt des obersten Kulturchefs in der Hauptstadt hat deshalb deutschlandweite Strahlkraft - auch wenn einige wichtige Institutionen unter Bundesregie stehen.

Erstmals seit zehn Jahren wird die Verantwortung nun wieder in einem eigenständigen politischen Ressort gebündelt. «Gut so!», jubelte der Deutsche Kulturrat am Mittwoch sogleich. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur soll der 42-jährige Linken-Landeschef Klaus Lederer das Amt in der neuen rot-rot-grünen Landesregierung übernehmen.

Der promovierte Jurist und Spitzenkandidat seiner Partei hatte schon im Wahlkampf seine Ambitionen auf die schönen Künste deutlich gemacht - und sich damit einen Rüffel des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller zugezogen. «Das ist nicht Demut und Respekt. Das sind Machtspielchen», tadelte der SPD-Politiker seinen Koalitionspartner in spe.

Denn Müller hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er das von seinem Vorgänger Klaus Wowereit (SPD) ererbte Zusatzamt gern behalten hätte. «Ich fühle mich mit dem Ressort sehr wohl und glaube, dass es auch der Kultur etwas bringt», sagte er im vergangenen Jahr in einem dpa-Gespräch. «Ich will sagen, dass das auch wehtut», sagte der 51-Jährige am Mittwoch nach der Einigung auf den Koalitionsvertrag.

Erfinder der Konstruktion war 2006 der damals frisch wiedergewählte Regierungschef Wowereit. Er berief den eher glücklos agierenden Linken-Politiker Thomas Flierl, heute 59, nach vierjähriger Amtszeit als Wissenschafts- und Kultursenator nicht wieder auf den prominenten Posten.

Ihn verband nicht nur eine herzliche Abneigung mit Flierl. Nach einem Debakel um die Einführung von Studiengebühren und ungeschicktem Agieren im Umgang mit Stasi-Opfern fürchtete er von seinem Kulturchef auch weitere Patzer - und nahm die Sache lieber selbst in die Hand.

Wowereit, Premierenstammgast mit Glamourfaktor, machte den Job selbst nach Meinung von Kritikern ausgesprochen gut. Unter seiner Ägide entwickelte sich die Bundeshauptstadt zu einer der angesagtesten Kulturmetropolen weltweit, ohne ihren Charme als schrille Szenehochburg zu verlieren.

Sein Nachfolger Müller, langjähriger SPD-Fraktionschef und zuletzt Stadtentwicklungssenator, buk seit Wowereits Ausscheiden Ende 2014 kleinere Brötchen. Vor allem die Nachfolgeentscheidungen bei den Leuchtturm-Institutionen Berliner Ensemble, Volksbühne und Staatsballett sorgten für anhaltenden Ärger. Dennoch galt er zunehmend als gut vernetzt und Fürsprecher der Szene.

Nun also Lederer. Unter dem Titel «Berlin braucht ein eigenständiges Kulturressort» hatte der gebürtige Schweriner in einem Artikel im «Tagesspiegel» schon während des Wahlkampfs seine Visitenkarte abgegeben. Er forderte einen Neustart mit einer «integrierenden Kulturpolitik», die sowohl die sozialen Herausforderungen der Großstadt wie auch die kulturelle Basis in den Bezirken im Blick hat.

Offen blieb zunächst, was aus dem bisherigen Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) wird. Ist ein eigenständiges Ressort mit einem Jahresetat von gut 500 Millionen Euro überhaupt groß genug, um einen Senator und einen Staatssekretär zu beschäftigen? Und: Würde ein Linker einen SPD-Mann als Zuarbeiter wollen?

Allerdings hat sich Renner womöglich schon selbst aus dem Rennen gekegelt. Er verärgerte den künftigen Koalitionspartner im Wahlkampf mit einer saloppen SMS, die ungewollt durchsickerte. «... mit den Linken werde ich wenig zu lachen haben», schrieb Renner. «Dass ich ihren Säulenheiligen F(rank) Castorf (von der Volksbühne) nicht verlängert habe, werden die mir nie verzeihen.»

Klaus Lederer

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erstellt am 17.Nov.2016 | 10:57 Uhr

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