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03. Dezember 2016 | 20:47 Uhr

Kryptozoologie : Auf der Spur der ignorierten Tiere

vom
Aus der Onlineredaktion

Vor 100 Jahren, am 10. Oktober 1916, wurde Bernard Heuvelmans geboren, der sich als „Vater der Kryptozoologie“ auf die Suche nach den Seeungeheuern, Drachen und Einhörnern der Sagen, Mythen und Legenden machte.

Manche Tiere scheint es nur in den Köpfen der Menschen zu geben – wie etwa das Monster von Loch Ness. Dennoch wächst Jahr für Jahr die Zahl derjenigen beständig, die Stein und Bein darauf schwören, Nessi mit eigenen Augen gesehen zu haben. Mit den Beweisen für die Existenz des sagenhaften Seemonsters ist das allerdings so eine Sache. Kein Wissenschaftler hat je einen seriösen Beleg dafür in den Händen gehalten, dass im schottischen Hochland Meeressaurier überlebt haben könnten oder gar eine andere bis heute völlig unbekannte marine Spezies dort lebt.

Der belgisch-französische Zoologe Bernard Heuvelmans ist sich allerdings sicher: Die Wissenschaft ignoriert die Existenz dieser Tiere ganz einfach, getreu dem Grundsatz, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Es gäbe derart viele Hinweise in Sagen, Legenden, Mythen und Augenzeugenberichten, dass es die Mühe durchaus wert sei, die Suche nach diesen Tieren aufzunehmen. Also begründet er in den 1950er Jahren eine ganz neue Forschungsrichtung, die sich genau dieser Aufgabe stellt: die Kryptozoologie, also die Lehre von den verborgenen Tieren (von griech. „kryptos“ für „verborgen“, „zoon“ für „Tier“, „logos“ für „Lehre“).

Heuvelmans und seine Mitstreiter machen sich von nun an weltweit auf die Suche nach den Tieren der Sagen, Mythen und Legenden, analysieren Augenzeugenberichte und werten Fußspuren aus, Zahnfunde und andere Hinweise. Da sie aber auch Einhörnern, Drachen, Schneemenschen und Tatzelwürmern gegenüber aufgeschlossen sind, winken viele etablierte Wissenschafter schnell dankend ab. Schon 1819 hat der große französische Naturforscher Georges Cuvier gemeint, es bestehe nur „sehr wenig Hoffnung“, künftig noch neue große Säugetierarten zu entdecken.

Diese geringe Chance hat uns seitdem zwar keine feuerspeienden Drachen beschert, sehr wohl aber Tiere, wie die bis dato völlig unbekannte Waldgiraffe Okapi (entdeckt 1901), den Berggorilla (entdeckt 1902) oder auch das größte Schwein der Welt, das Riesenwaldschwein (entdeckt 1904). Sie alle waren bis dahin nur aus den Erzählungen der Einheimischen bekannt.

Selbst heute noch werden tagtäglich etliche neue Tierarten entdeckt, wenn auch in der Regel eher kleinere Spezies wie die blinde Assel „Iuiuniscus iuiuensis“, die Forscher 2016 in Brasilien fanden oder auch der nur ein Millimeter große Käfer „Tiny Beetle“ (Phytotelmatrichis osopaddington) aus Peru. Experten schätzen, dass es gar Millionen von Spezies geben könnte, die bisher noch nicht taxonomisch erfasst sind. Zwar kennt die Wissenschaft inzwischen wohl 90 Prozent aller Wirbeltiere, aber schon bei den terrestrischen Gliederfüßern, also Insekten, Spinnen- und Krebstieren, sinkt dieser Anteil auf 50 Prozent. Ganz schlecht ist es um unser Wissen über die Protozoen bestellt, also um die Einzeller mit Zellkern. Hier sind gerade erst annähernd fünf Prozent der Arten taxonomisch erfasst. Vor allem die Meere, und im Besonderen die Tiefsee, dürften noch für so manche Überraschung gut sein, davon sind Ozeanographen wie auch Biologen heute überzeugt.

Warum sollten unter all diesen Arten nicht auch Seeungeheuer und Meeresmonster sein? 1977 zieht der japanische Trawler „Zuiyo Maru“ vor der neuseeländischen Küste ein seltsames Tier aus dem Wasser, das bald als „New Nessie“ bekannt wird, und Kryptozoologen in aller Welt begeistert.

Wie sich bald herausstellt, handelt es sich hierbei allerdings keineswegs um ein legendäres Meeresungeheuer oder gar um einen überlebenden Plesiosaurier, sondern lediglich um die bis zur Unkenntlichkeit zerfallenen Überreste eines großen Hais.

Manche Seemonster gibt es dann aber doch: Die gigantischen Kraken etwa, von denen Seefahrer schon seit Jahrhunderten berichten, entpuppen sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts als ganz reale neue Art. Heute weiß man, dass der Riesenkalmar „Architeuthis dux“ über zwölf Meter groß werden kann und in Tiefen von bis zu 1000 Metern vorkommt. Auch den Quastenflosser „Latimeria chalumnae“, einen heute weltberühmten Zeitzeugen der Dinosaurier, kennen die Einheimischen schon lange vom Fischmarkt, bevor der Urzeitfisch 1938 den ersten Wissenschaftlern in die Hände fiel.

Es kann sich also durchaus lohnen, den Sagen und Legenden, aber eben auch den Augenzeugenberichten direkt vor Ort nachzuspüren. Auf diese Weise hat ein Team unter Leitung des Bonner Zoologen Wolfgang Böhme 1999 mitten in der Sahara die legendären Wüstenkrokodile aufgespürt. Ihre Existenz zeugt heute noch davon, dass die Sahara noch vor 10  000 Jahren ein grünes Paradies ist, das sich aber nach und nach der Austrocknung und der vorrückenden Wüste geschlagen geben muss. Mit dem Wasser ziehen sich auch die Krokodile immer weiter zurück, so dass sie heute nur noch an ganz wenigen Stellen in der Sahara zu finden sind. „Die Menschen vor Ort erzählten uns von den Krokodilen und führten uns dahin, wo uns dieser außergewöhnliche Fund gelang“, sagt Böhme.

„Eine unbeschriebene Art mit Hilfe von Augenzeugenberichten aufzuspüren, ist eine ganz klassische kryptozoologische Herangehensweise.“ Tja, wer hätte das schon für möglich gehalten, dass es Krokodile geben könnte, die mitten in der Wüste leben? Die Antwort ist einfach: Bernard Heuvelmans und seine Kryptozoologen natürlich.

 

Gut zu wissen: Bernard Heuvelmans
Bernard Heuvelmans wurde am 10. Oktober 1916 im nordfranzösischen Le Havre geboren. 1939 promovierte der Zoologe, der sich schon als Kind früh für Tiere begeistern konnte, an der „Universite Libre de Bruxelles“ über die Zahnstruktur des Erdferkels und sammelte als großer Jules-Verne-Fan schon bald alles, was aus dem üblichen Rahmen der Zoologie fiel. Angeregt durch einen Zeitungsartikel in der Saturday Evening Post, in dem es um Dinosaurier ging, die möglicherweise im Kongo überlebt haben könnten, fasste er 1948 den Entschluss, ein Buch über unbekannte Tiere wie diese zu schreiben. 1955 erschien es unter dem Titel „Sur la Piste des Betes Ignorees“, und wurde schon bald zum internationalen Bestseller. In der Folge führten die Kryptozoologen um Heuvelmans zahlreiche Expeditionen zu den sogenannten Kryptiden durch, also zu den verborgenen Tieren. Die Expedition Thomas Baker Slicks in den Himalaya zur Auffindung des legendären Schneemenschen Yeti war später die Initialzündung zur Gründung einer internationalen kryptozoologischen Organisation. 1975 entstand ein Zentrum für Kryptozoologie im südfranzösichen Le Bugue, das später nach Paris umsiedelte. In Washington D.C. entstand die International Society of Cryptozoology (ISC) mit Bernard Heuvelmans als Präsident, die zeitweilig 850 aktive Mitglieder hatte. Da Heuvelmans Gesundheit in den 1990er Jahren zunehmend schlechter wurde, konnte er an dem im März 1999 in Rom stattfindenden internationalen Kryptozoologie-Kongress schon nicht mehr teilnehmen. Im gleichen Jahr stiftete er seine Sammlung dem Schweizer Zoologischen Museum Lausanne, das noch im gleichen Jahr das „Bernard Heuvelmans Department of Cryptozoology“ eröffnete mit 25000 Berichten, 1000 Büchern, fast 40000 Fotos und zahlreichen Fundstücken. Am 22. August 2001 verstarb Bernard Heuvelmans im Alter von 84 Jahren auf der Ile-de-France.

 

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