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Leute

07. Dezember 2016 | 13:28 Uhr

Maria Furtwängler im Interview : Angstmacher „Tatort“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie Maria Furtwängler ihren ersten Sonntagskrimi erlebte und wie es mit ihrer Kommissarin Charlotte Lindholm weitergeht.

Diese Rolle dürften ihr etliche Kollegen neiden: Maria Furtwängler ist am Sonntag als niedersächsische LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm zusammen mit dem Kieler Kollegen Borowski (Axel Milberg) im 1000. Tatort „Taxi nach Leipzig“ zu sehen. In Hamburg erzählt sie Joachim Schmitz von einem Dreh auf engstem Raum, der Einsamkeit ihrer Figur, einem Ladendiebstahl als Schülerin und der Angst, die ihr als Kind die Tatort-Melodie machte.

Frau Furtwängler, kurz nach Ihrem 50. Geburtstag nun der 1000. „Tatort“ – es ist ein runder Herbst für Sie. Auch ein rundum gelungener?
(lacht): Ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Mit dem 50. Geburtstag habe ich meinen völligen Frieden spätestens in dem Moment gemacht, als ich las, ich sei nun so alt wie Salma Hayek, Sophie Marceau und Halle Berry, die auch alle in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag gefeiert haben. Alles kluge Frauen, die viel erreicht haben und darüber hinaus verdammt attraktiv sind. In besserer Gesellschaft kann ich mich doch gar nicht befinden. Damit habe ich also schon mal kein Problem, und mit dem 1000. „Tatort“ natürlich auch nicht. Im Gegenteil – für mich ist es natürlich eine Auszeichnung, dabei zu sein.

 

Haben Sie Ihren Geburtstag denn ordentlich gefeiert?
Ja, ich bin jemand, die gerne feiert.

Werden Sie den 1000. „Tatort“ auch feiern?
Es ist für mich ja schon eine Tradition, mit Freunden und Familie zusammen zu gucken. Beim Film fehlt uns im Gegensatz zum Theater das unmittelbare Feedback des Publikums – da ist es schön, wenn man das nachholen kann. Das hat sich auch bewährt. Alle kommen gern und dann diskutieren wir nachher, was cool war und was man hätte besser machen können. Für mich ist das ganz wichtig.

Sagen Ihre Gäste Ihnen tatsächlich, wenn ihnen mal etwas nicht so gut gefallen hat?
Ja, doch, ist auch schon vorgekommen. Dann gibt es Einwände wie „Das habe ich jetzt nicht geglaubt, dass Du da ohne Waffe reingegangen bist“. Oder dass jemand etwas nicht verstanden hat. Ich finde das total interessant – wenn man es selbst gelesen hat und beim Drehen dabei war, hat man ja oft einen ganz anderen Blickwinkel.

Ihr Mann hat bei Ihrem ersten „Tatort“ nach fünf Minuten den legendären Satz gesagt „Ich langweile mich noch nicht“. Hat er sich im Laufe der Jahre irgendwann mal gelangweilt?
Wahrscheinlich, aber er hat es mir nicht gesagt (lacht).

Der 1000. „Tatort“ ist in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich – unter anderem dadurch, dass große Teile auf engstem Raum mit drei Leuten in einem Taxi gedreht wurden. Wie fühlt sich das an, wenn man drei Wochen lang derart beengt miteinander dreht?
Das ist eine Herausforderung, weil man furchtbar wenig Platz hat, einander aus dem Weg zu gehen. Man hockt einfach aufeinander und ist den Stimmungen und Macken der anderen furchtbar ausgeliefert. Und jeder hat so seine Möglichkeiten und Methoden, sich in den Vordergrund zu spielen. Das war nicht immer ganz konfliktfrei. Aber es ist auch spannend, wie ein Regisseur dann aus zwei Wildpferden wie Axel Milberg und mir einen Zweispänner macht. Irgendwann läuft es, und dann wird es interessant und herausfordernd.

Treffen sich zwei Wildpferde in einer Telefonzelle – gibt es da auch mal Lagerkoller?
Das gab’s schon ein- oder zweimal. Aber ich bin nicht jemand, die dazu neigt, groß auszurasten und diese dramatische „Ich tick jetzt mal aus“-Nummer hinzulegen. Dafür müsste schon wirklich sehr viel schief laufen. Und das war nicht der Fall. Andererseits passten die Reibungen zwischen uns Schauspielern natürlich total zu unseren Figuren.

Sie wollten als kleines Mädchen immer ein Junge sein und im Stehen pinkeln können.
Und jetzt wollen Sie wissen, ob ich das heute kann? (lacht)

So weit würde ich niemals gehen. Stellen wir uns mal vor, dieser Wunsch wäre in Erfüllung gegangen...
(lacht) Sehen Sie – ich wusste, dass es in diese Richtung geht.

Nein, ich möchte nur wissen: Was für eine Art „Tatort“-Kommissar statt Kommissarin wären Sie geworden?
Na ja, vielleicht einer, der diese hinreißend klare, durchsetzungsstarke Männlichkeit kombiniert mit der Fähigkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen, wirklich empathisch mit jemandem zu schwingen. Das wäre ein toller Kerl geworden.

Wer von den aktiven „Tatort“-Kommissaren kommt dem am nahesten?

Ich glaube, der muss noch erfunden werden.

Ihre Figur Charlotte Lindholm haben Sie kürzlich mal als so einsam beschrieben, dass Sie Ihnen leid tut. Wie konnte es so weit kommen, wo Sie doch selbst immer ein Auge auf die Drehbücher haben?
Es ist eine merkwürdige Geschichte, aber so eine Figur hat tatsächlich eine überraschende Eigendynamik, die man nicht mehr wirklich im Griff hat. Und übrigens auch nicht haben will. Ich hatte ja angeregt, dass sie unbedingt Mutter werden soll, weil im fiktionalen Fernsehen viel zu wenig erzählt wurde, dass berufstätige Frauen durchaus auch Mütter sind. Und natürlich wollte ich von meiner hingebungsvollen Mütterlichkeit ganz viel mit hineingeben. Aber es hat sich irgendwie gezeigt, dass Charlotte Lindholm im Unterschied zu mir keine begeisterte Mutter ist. Sie ist eher mit ihrem Beruf verheiratet und geht eben nicht in der Mutterrolle auf. Das war mir total fremd, und es ist sehr merkwürdig, aber die Lindholm hat tatsächlich ein Eigenleben, das ich immer nur ein bisschen steuern und korrigieren kann.

Sie hatten die Rolle der Charlotte Lindholm ja mal so lange ruhen lassen wollen, bis es gelungen ist, einen humorvollen Stoff für sie zu entwickeln. Haben Sie den Plan aufgegeben?

Das ist fast richtig. Wir sind daran gescheitert, einen humorvollen Fall so zu erzählen, dass er meinen – vielleicht auch viel zu hohen – Ansprüchen genügt hätte. Was wir uns vorgenommen hatten, ist einfach nicht so gelungen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber das heißt nicht, dass ich erst wieder spiele, wenn es einen humorvollen Fall gibt. Trotzdem: Ich würde gern auch mal Komödie spielen – ob aber die Lindholm die geeignete Plattform dafür ist, weiß ich nicht.

Einsamkeit und Humor sind zwei Dinge, die sich schlecht zusammenführen lassen.

Oh doch. Natürlich kann ein extrem einsamer Mensch in der Überhöhung oder der Genauigkeit der Beobachtung dafür geeignet sein. Letztendlich haben wir Spaß, jemandem zuzusehen, wenn er mit seinen eigenen Dämonen kämpft. Den extrem einsamen Menschen müsste man dann zwingen, extrem sozial zu leben. Einer Lindholm müsste man vermutlich drei Flüchtlingsfamilien reinsetzen, damit daraus eine Komik entstehen kann. Das Missverständnis ist ja, dass Komödie nur da stattfindet, wo es ohnehin leicht und lustig ist.

Muss sich nicht jeder „Tatort“, der sich an Humor versucht, mit den Kollegen aus Münster messen lassen? Und hat er dann noch eine Chance?

Ich denke, dass die Münsteraner links und rechts von sich durchaus noch Platz lassen. Quotenmäßig natürlich nicht, da sind sie sehr verdient die unangefochtenen Kings. Aber ich glaube schon, dass es noch eine andere Möglichkeit für Humor im „Tatort“ gibt.

Sie legen gern selbst Hand an, wenn’s um die Drehbücher geht. Wie sehr konnten Sie sich beim 1000. „Tatort“ einbringen?
Gar nicht. Es ist auch nicht so, dass ich regelmäßig Hand anlege, das klingt doch übergriffig. Ich respektiere die Arbeit der Autoren, heute vielleicht noch mehr als vor fünf Jahren. Da habe ich viel dazugelernt. Und ich respektiere Alexander Adolph als Autor über alle Maßen.

Bis zu welchem Alter haben Ihre Eltern Ihnen verboten, „Tatort“ zu gucken?
Sie haben einmal nicht so gut aufgepasst, als ich eindeutig noch zu klein war. Ich habe mich da reingeschlichen, während meine Eltern gebannt einen „Tatort“ schauten. Und da habe ich hinter dem Sofa kauernd Dinge gesehen, die ganz grauenvoll und gleichzeitig furchtbar spannend erzählt waren. Danach war diese „Tatort“-Melodie für mich über lange Zeit mit einem so großen Schrecken verbunden, dass ich mich verkrochen habe, wenn ich sie gehört habe. Ich habe dann erst ab meiner Volljährigkeit wirklich häufiger mal „Tatort“ geguckt.

Mit dem 1000. „Tatort“ ziehen Sie vermutlich den Neid vieler Kollegen auf sich.
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Vermutlich hat eher der NDR den Neid anderer Sender auf sich gezogen. Aber wenn ihn nun schon mal der NDR hat, dann würde ich als Sender auch eine Frau mit ins Boot nehmen. Damit war ich ohne Frage eine fast unumgängliche Wahl (lacht).

Wie geht’s denn jetzt mit Charlotte Lindholm weiter? Sehen wir sie wirklich nur noch einmal im Jahr?
Ja. Es geht sehr spannend weiter, den nächsten Film inszeniert eine ganz junge Regisseurin – Anne Zohra Berrached, die auf der Berlinale mit „24 Wochen“ ihren Erstlingsfilm präsentiert hat. Bei einem anderen Format würde man sich das nicht trauen, aber der „Tatort“ macht es. Das ist das Tolle an diesem Format, dass es immer wieder diesen Spagat schafft zwischen Tradition und Aufbruch und eigentlich sehr experimentierfreudig ist. Das quasi eingebaute Interesse des Publikums und die Quote machen es möglich.

Warum bleiben Sie bei nur einer Folge pro Jahr? Der NDR und wohl auch das Publikum hätten wohl lieber zwei.

Weil es mir viel mehr Möglichkeiten für anderes gibt. Am 25. Februar haben wir Premiere mit einem sehr ausgefallenen Stück am Theater am Kudamm in Berlin. Ein echtes Wagnis für mich und ich freue mich schon sehr darauf. Außerdem gibt es auf sozialer und politischer Ebene Projekte, die mir am Herzen liegen.

Ihr „Tatort“-Kollege Wotan Wilke Möhring hat mehrfach in Interviews eingeräumt, früher Autos geknackt zu haben. Wie steht’s um Ihre kriminelle Vergangenheit abseits des dem „Stern“ gegenüber eingeräumten Cannabis-Konsums und -Anbaus?
Ich erinnere mich lichterloh und ganz genau, wie ich als Zehn- oder Elfjährige mit Herzklopfen und einer Freundin nach der Schule in ein Kaufhaus in München gegangen bin. Das war so etwas wie eine Mutprobe, die ich nie vergessen werde. Ich habe da mit zittrigen Händen so einen Glitzerstift, den man sich ins Gesicht schmieren konnte, eingesteckt. Wir haben wohl eine halbe Stunde wachsbleich und schwitzend vor diesem Regal gestanden – meine Freundin hat sich nicht getraut, aber ich hab mich getraut. Es war furchtbar, aber für uns Kinder war das ein Thrill.


 

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erstellt am 12.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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