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27. Juli 2016 | 15:29 Uhr

David Bowie gestorben : Als David Bowie meine Kuh-Tasche trug

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unsere Mitarbeiterin Dagmar Leischow traf die Pop-Ikone 2002 zu einem Interview – und erlebte einen sympathischen Menschen

Es gibt wohl kaum einen Musiker, der David Bowie nicht verehrt hat. Etliche Künstler benannten den Briten als eines ihrer wichtigsten Vorbilder. Kanye West twitterte beispielsweise: „David Bowie war eine meiner größten Inspirationen, so furchtlos, so kreativ.“ Jetzt ist der Held vieler Generationen tot. Er erlag einem Krebsleiden, wie auf seiner Facebook-Seite bekanntgegeben wurde. Nach einem 18-monatigen Kampf gegen seine Krankheit sei er friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen, hieß es. Sein Sohn, der Filmemacher Duncan Jones, bestätigte via Twitter die Todesnachricht. Zum Abschied postete er ein Foto von sich und seinem Vater, der mit rund 140 Millionen verkauften Alben nicht nur zu den erfolgreichsten Musikern der Popgeschichte gehörte, sondern zu den einflussreichsten.

Immer wieder hat er sich neu erfunden. Seine Kreativität schien unerschöpflich zu sein, was zuletzt seine CD „Blackstar“ bewies, die am vergangenen Freitag, seinem 69. Geburtstag, erschienen ist. Sein langjähriger Produzent Tony Visconti kommentierte dieses Werk mit den Worten: „Bei ‚Blackstar‘ war es in erster Linie das Ziel, Rock’n’Roll zu vermeiden.“ Mit den ausgedehnten Free-Jazz-Soli in vielen Songs gelang das auch. Diese Platte manifestierte Bowies Ruf als musikalisches Genie. Schon sein erster Hit „Space Oddity“ wollte Ende der 1960er Jahre in keine Schublade passen.

Bowie kreierte Kunstfiguren wie Ziggy Stardust, Major Tom oder den Thin White Duke. Seine Wandelbarkeit brachte ihm den Spitznamen „Chamäleon des Pop“ ein. Er war ein unruhiger Geist, der mal in Los Angeles, mal in Berlin und zuletzt mit seiner Frau Iman in New York wohnte. Doch selbst er war vor einer künstlerischen Krise nicht gefeit. Einige nahmen es ihm übel, dass er sich in den 80ern mit kommerziellen Liedern wie „Let’s dance“ oder „China Girl“ dem Massengeschmack anbiederte. Bis er in den 90ern die Kritiker mit „Black Tie White Noise“ wieder auf seine Seite zog. Diesen Langspieler bezeichnete Bowie, der unter anderem dank seiner Rolle als Andy Warhol in dem Film „Basquiat“ auch seine Schauspielkarriere angekurbelt hatte, als sein bestes Soloalbum.

Allerdings zeichneten ihn nicht allein seine künstlerischen Fähigkeiten aus, er hatte einen außerordentlichen Geschäftssinn. Bereits 1997 ging er einen neuen Weg, um Geld zu verdienen: Er gab Anleihen, sogenannte Bowie-Bonds, heraus, die ihm 55 Millionen Dollar einbrachten. Auch das Internet wusste er sich zunutze zu machen. Bowie verstand sich auf Selbstvermarktung. Ohne sein Privatleben ständig in die Öffentlichkeit zu zerren. Interviews hat er fast gar nicht mehr gegeben. Trotzdem hatte ich das Glück, mit Bowie sprechen zu dürfen. Als ich ihn 2002 in New York zu seinem Album „Heathen“ interviewen sollte, wurde im Vorfeld natürlich viel Wirbel gemacht. Die Auflage war: Ich dürfe mit ihm nur über seine neuen Songs sprechen, private Fragen seien nicht zulässig. Aber dann kam alles ganz anders. Dank einer Kuh-Tasche, die ich während eines Sylt-Urlaubs erstanden hatte. Kaum hatte ich die Hotelsuite betreten, schon sprach mich der Sänger auf mein Accessoire an. „Magst du Kühe?“ wollte er wissen. Ich nickte, und er strahlte. Auch seine Tochter Lexi liebe diese Tiere, verriet er. Damit war das Eis gebrochen. Er machte mir ein Angebot, das für mich als Journalistin Gold wert war: „Du kannst mir jede Frage stellen, die du auf dem Herzen hast.“ Bowie outete sich im Laufe des Gesprächs als ein verletzlicher, ängstlicher Mensch. Er erzählt, wie unglücklich er gerade in den 70ern gewesen sei: „Ungeachtet meines Erfolgs war ich oft verzweifelt.“

Er gestand, dass er sich mit seiner Unsicherheit dauernd selber im Weg gestanden habe. Zum Beispiel traute er sich nicht, der französischen Sängerin Francoise Hardy seine Bewunderung auszusprechen: „Dafür war ich einfach zu schüchtern.“ Erst die Ehe mit seiner Frau Iman stabilisierte ihn. Durch sie wurde er offener: „Iman brachte mir bei, auf andere Menschen zuzugehen.“ Solche Dinge gab Bowie ohne zu zögern preis. Er baute im Interview keinen Schutzwall um sich herum auf, erst recht hatte er keine Starallüren. Er war gut gelaunt, ständig lachte er. Beinahe hätte man meinen können, da sitzt einem ein guter Freund gegenüber, kein Superstar. Selbstverständlich hatte er nichts dagegen, noch ein gemeinsames Foto zu machen. Er bestand darauf, sich meine Kuh-Tasche umzuhängen. Dann haben wir beide um die Wette in die Kamera gelächelt.

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