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Kultur

05. Dezember 2016 | 01:24 Uhr

Umstrittener Festspielleiter : Wieland Wagner - Vorbild für seine Erben

vom

Vor 50 Jahren ist Wieland Wagner gestorben, der Erneuerer der Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute kämpfen seine Nachkommen um das Sagen auf dem Grünen Hügel.

Wieland Wagner ist seit einem halben Jahrhundert tot. Aber der frühere Bayreuther Festspielchef ist auch heute noch präsent. Denn das Opernfestival, noch immer ein fester Bestandteil der deutschen und gar globalen Opernszene, wird auch an seiner Vergangenheit gemessen.

Heute ringen Wielands Erben um Einfluss auf dem Grünen Hügel, um die Zukunft der berühmten Festspiele gestalten zu können.

Wieland Wagner, ein Enkel des Komponisten Richard Wagner, starb vor genau 50 Jahren, am 17. Oktober 1966. Im nächsten Jahr wird seine Geburt 100 Jahre her sein. Er hat die Zeit erlebt, die von dem größten Verbrechen der deutschen Geschichte geprägt war – dem Nationalsozialismus und dem Holocaust unter Adolf Hitler. Wieland Wagner gilt als Erneuerer der Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg, war jedoch zuvor selbst ein Günstling des Diktators.

In Filmaufnahmen, die Hitler privat im Kreis der Familie Wagner zeigen, ist auch Wieland zu sehen. Hitler, Dauergast in Bayreuth, war den Kindern eine Art Vaterersatz, und auf den Bildern ist zu sehen, wie er etwa auf Wielands Rücken zeichnet. Seine Mutter Winifred war eine glühende Verehrerin Hitlers. Mit dieser Vergangenheit lebte nicht nur Wieland, damit leben heute auch seine Nachkommen.

«Als Kinder erlebten wir einen, der sich vom Dritten Reich distanzierte: öffentlich, ästhetisch und privat», erzählt seine Tochter Nike Wagner (71) in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Er baute eine Mauer im gemeinsamen Garten gegen seine Mutter, die nicht aufhörte, ihre alten Nazis zum Tee zu empfangen. Heute weiß ich natürlich: Ja, er wurde begünstigt von Hitler.» Wieland habe Geschenke und Sympathiebezeugungen bekommen, die dem zukünftigen Bayreuth-Erben galten.

Zu seinem 50. Todestag nun wollen die Bayreuther Festspiele bei einer städtischen Ehrung einen Kranz an seinem Grab niederlegen – feiern wollen sie hingegen seinen 100. Geburtstag im kommenden Jahr. Ein Fest für geladene Gäste soll es werden, im Festspielhaus, am Vorabend der Saisoneröffnung. Das Programm dafür entsteht gerade erst, heißt es aus dem Festspielhaus, die Nachkommen arbeiteten dabei eng zusammen mit der Festspielleitung. Es soll Musik geben und Reden. Die Planung aber dürfte nicht ganz einfach sein.

Denn Wielands Erben liegen im Clinch mit den Festspielen. Seine Kinder Nike, Daphne und Wolf Siegfried sowie seine Schwester Verena Lafferentz-Wagner (95) klagen gegen die Festspiele GmbH, geleitet von Nikes Cousine Katharina Wagner, und die Richard-Wagner-Stiftung. Es geht darum, wer über die Festspielleitung entscheiden kann - also die Position, die gerade Katharina innehat. In der Stiftung, der zweiten Beklagten in dem Prozess, haben der Bund und der Freistaat Bayern die Mehrheit, die Geschäfte führt Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe.

Die Stiftung ist der Träger des Festspielhauses und hat es bis zum Jahr 2040 an die Festspiele GmbH vermietet. Aufgrund der Details können Bund und Land fast allein über die Leitung entscheiden. Das ist den Erben Wielands nicht recht. Ihrer Ansicht ist dadurch das Vorrecht der Familie Wagner auf die Leitung untergraben.

Nike Wagners bisherige Versuche, die Leitung des weltberühmten Festivals zu übernehmen, scheiterten. Unter der Leitung ihrer Cousine Katharina wollen die Bayreuther Festspiele indes ihre umstrittene Vergangenheit besser aufarbeiten. Zum Beispiel mit einem Symposium 2017 zu «Wagner im Nationalsozialismus», zur Frage des Sündenfalls.

Damit passiert etwas, was Wieland als Festspielchef und wohl auch als Privatmensch nie geschafft hat. Er konnte über seine Vergangenheit als Günstling Hitlers nie offen sprechen, sagt seine Tochter Nike. Er habe Schuldgefühle aus der Nazizeit in sich hineingefressen. «Irgendwie war er ja auch Kriegsgewinnler.» Aber seine künstlerische Arbeit zeige, dass Erkenntnisprozesse in ihm abgelaufen seien.

Wieland Wagner studierte während des Kriegs in München Malerei und Musik bei Kurt Overhoff. Seine ersten Bühnenbilder lieferte er 1935 für die Theater in Lübeck, Köln und Altenburg. Nach 1945 aber begann Wieland damit, was als «Neubayreuth» gilt: 1951 legte er eine stilisierende Inszenierung des «Parsifal» vor, die bis 1973 im Spielplan blieb. Daneben führte Wieland auch in Stuttgart, München, Hamburg, Berlin, Frankfurt und Köln Regie.

In Bonn leitet heute seine Tochter Nike das Beethovenfest. Im vergangenen Jahr hatte sie gesagt: «Mein Familienzweig - Wieland Wagners geistigem Erbe verpflichtet - kämpft schon seit langem gegen das Aushöhlen der Rechte der Stifterfamilie in der Stiftung.» Ob Wielands Kinder ihr Erbe antreten können - als Erneuerer - ist offen.

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erstellt am 16.Okt.2016 | 12:04 Uhr

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