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Kultur

07. Dezember 2016 | 09:39 Uhr

Durchbruch zur Neuzeit : Warum Martin Luther recht behalten hat

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Martin Luther wollte keine neue Kirche gründen. Aber sein Protest gegen die Kirchenzentrale in Rom entfaltete eine revolutionäre Sprengkraft. Spätestens damit endete vor 500 Jahren das Mittelalter - mit dramatischen Folgen bis heute.

Er hetzte gegen Juden, Muslime und vermeintliche Hexen, verbündete sich mit brutalen Fürsten gegen aufständische Bauern und verursachte indirekt auch den Dreißigjährigen Krieg, der Millionen Menschen das Leben kostete.

Trotzdem ist er für viele Christen weltweit ein großes Vorbild: Die evangelische Kirche feiert den Reformator Martin Luther. Vor bald 500 Jahren zündete er einen Funken, der die Welt verändert hat. Dabei ist die Frage, die ihn quälte, heute kaum mehr verständlich: «Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?» Doch im Mittelalter trieb die Angst vor der Hölle als Strafe für ein sündhaftes Leben viele um. Die Kirche machte sich das zunutze und verkaufte Ablassbriefe, mit denen sich Gläubige vermeintlich von ihren Sünden freikaufen konnten. Luther erkannte darin einen Verrat an der Botschaft des Neuen Testaments.

«Sola scriptura» (allein die Schrift) - «sola gratia» (allein aus Gnade) - das sind Luthers Leitlinien. Nicht der Papst oder die kirchliche Tradition, sondern nur Gottes Wort, wie es die Bibel bezeugt, lässt er als Maßstab gelten. Der Mensch kann sich den Himmel nicht durch gute Taten verdienen. Nur aufgrund seines Glaubens an Gottes Gnade kann er gerettet werden.

Dieser «reformatorische Durchbruch» gelingt Luther, weil er die Theologie des Apostels Paulus neu entdeckt. Mit dem Rückgriff auf den Anfang des Christentums in der Antike öffnet er das Tor zur Neuzeit, zur Epoche der Befreiung. Lutheraner sind frei von der Angst vor dem Tod und der Hölle, frei von kirchlichen Autoritäten. Sie können selber die Bibel lesen und ihrem eigenen Gewissen folgen. Das war damals revolutionär.

Wie auch Luther selbst, der sich vor dem Reichstag zu Worms weigerte, seine Thesen zu widerrufen, und gesagt haben soll: «Hier stehe ich und kann nicht anders!» Revolutionär auch seine Bibelübersetzung auf der Wartburg bei Eisenach, wo er sich versteckt hielt, weil Papst und Kaiser ihn verfolgten. Mit der Lutherbibel, die dank des neuen Buchdrucks massenhaft verbreitet wurde, war die Heilige Schrift nicht mehr nur für Lateinkenner lesbar, sondern für alle Gläubigen in ihrer Volkssprache.

Luthers Sprache schaute dem Volk aufs Maul und wirkte stark an der Entwicklung des Frühneuhochdeutschen mit. Die Reformation war daher auch eine große Bildungsbewegung. Mit der Lutherbibel lernten die Deutschen das Lesen, Sprechen und Forschen. Die Reformatoren in ganz Europa gründeten Schulen, modernisierten die Gesellschaft, ordneten das Sozialwesen.

Kein Wunder also, dass aus den evangelischen Pfarrhäusern - aus den Familien protestantischer Geistlicher - viele Dichter, Denker, Musiker, Wissenschaftler und Politiker hervorgingen. Bis heute, bis zur Pfarrerstochter Angela Merkel. Ihre umstrittene Flüchtlingspolitik zeugt von der christlichen Prägung ihres Elternhauses.

Möglich wurde das, weil Luther als Mönch der Augustiner-Eremiten das Gelübde der Ehelosigkeit über Bord warf, die ehemalige Nonne Katharina von Bora heiratete und mit ihr eine große Familie gründete. Katholischen Priestern ist so etwas bis heute verwehrt.

Luther wollte keine eigene Kirche gründen, wollte ursprünglich auch keine Abspaltung von Rom. «Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen?», schrieb er 1522. Doch die katholische Kirche wollte nicht wahrhaben, dass Luther mit seiner Grundeinsicht der «Freiheit eines Christenmenschen» recht hatte.

Erst in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 räumte der Vatikan dies indirekt ein. Seitdem gilt: In der zentralen Frage des christlichen Glaubens sind die Unterschiede der beiden großen Konfessionen nicht mehr grundsätzlicher Natur, sondern beide akzentuieren nur denselben Glauben anders. Was sie bis heute trennt, ist vor allem ein unterschiedliches Verständnis der kirchlichen Ämter, also der Bedeutung von Priestern, Bischöfen und Papst.

Der Papst - das war für Luther der «Antichrist». Doch wenn Luther heute noch leben würde, müsste er Papst Franziskus eigentlich die Füße küssen. Denn das hatte er 1531 angekündigt: «Wenn wir nur das erreichen könnten, dass Gott allein durch die Gnade rechtfertigt, würde ich den Papst den Allerheiligsten nennen; ich würde nicht nur seine Füße küssen, sondern ihn auf Händen tragen.»

Am 31. Oktober, zum Beginn des Reformations-Gedenkjahrs, will Franziskus die Versammlung des Lutherischen Weltbunds in Lund (Schweden) besuchen. Das zeigt: Auch für Katholiken ist der Gottsucher, Seelsorger und Prediger Luther zum Vorbild geworden.

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erstellt am 30.Okt.2016 | 00:01 Uhr

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