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Kultur

03. Dezember 2016 | 03:30 Uhr

Wächter über die Kunstkritik : Walter Vitt: In der Kunstkritik wird zu viel abgeschrieben

vom

Wo Kunst ist, da wird auch kritisiert. Haben Kunstkritiker heute überhaupt noch eine Relevanz? Der langjährige Verbandsvorsitzende der Kritiker, Walter Vitt, findet, es wird zu viel abgeschrieben.

Walter Vitt ist so etwas wie der Doyen der Kunstkritik in Deutschland. Fast 20 Jahre lang war der Journalist und ehemalige WDR-Redakteur Vorsitzender der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA.

Am 2. Oktober wird Vitt 80 Jahre alt. In der Kunstkritik werde heute zu viel abgeschrieben, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Es gebe heute zwar viel mehr Kritiker als früher, aber viele hätten kein eigenes Urteilsvermögen.

Frage: Schreiben die Kunstkritiker heute anders?

Antwort: Viele entwickeln keine eigene Idee von einer Ausstellung mehr, weil sie sich mit den Presseunterlagen der Museen zufrieden geben und auch nicht mehr Platz für längere Texte haben.

Frage: Was unterscheidet Kunstkritik vor 40 Jahren von der heute?

Antwort: Heute gibt es viel mehr Kunstkritiker. Das ist notwendig, weil das Feld viel größer geworden ist. Außerdem ist in den vergangenen Jahrzehnten eine große Zahl an neuen Galerien, Museen und Sammlungen entstanden. Als ich 1978 in den Kunstkritikerverband AICA aufgenommen wurde, waren wir 80 Leute, heute sind wir 200. Und das ist vielleicht ein Drittel derer, die über Kunst schreiben.

Frage: Welche Relevanz haben Kunstkritiker heute noch?

Antwort: Viele Kunstkritiker sind heute auch Kuratoren. Innerhalb der Kunstkritik ist es ein Streitpunkt, dass sie Kunst auch präsentieren, anstatt kritisch darüber zu schreiben. Das hängt aber damit zusammen, dass viele Kunstkritiker die Defizite bei Museen, Galerien oder Sammlern, die überall dasselbe zeigen oder kaufen, kritisch sehen und andere Künstler in die Öffentlichkeit bringen wollen. Das nenne ich positive Kunstkritik, wenn ich Abläufe korrigieren kann.

Frage: Welche Künstler haben Sie als Kritiker dem Vergessen oder der Missachtung entrissen?

Antwort: Ich habe mehrere Bücher über den Kölner Dadaisten und Max-Erst-Freund Johannes Theodor Baargeld geschrieben, der war vollständig verschwunden. Ich wollte damit zeigen, wo die Kunstgeschichte Defizite hatte. Auch Walter Dexel, einen Konstruktivisten der 1920er Jahre, der von den Nazis als «entartet» verfemt wurde, habe ich aus der Versenkung geholt. Ich habe rund 60 Ausstellungen kuratiert, in denen ich Künstler, die mir missachtet schienen, präsentiert habe.

Frage: Wer macht einen Künstler heute bekannt - der Sammler, das Museum oder der Kritiker? 

Antwort: Ohne Zweifel haben die reichen Sammler eine große Machtposition entwickelt, besonders als Leihgeber oder Stifter in den Museen. Wenn ein einzelner Kritiker einen Künstler gut oder schlecht findet, hat das keine große Bedeutung. Aber wenn sich diesem Gedanken viele Kritiker anschließen, kann das natürlich eine Wirkung haben. Und das geschieht oft. Doch leider wird in der Publikation über Kunst immer wieder voneinander abgeschrieben, vor allem auch bei biografischen Angaben. Zum Beispiel der deutsche Maler Palermo, der übrigens gar nicht den Vornamen Blinky trug. Er ist auf der Malediven-Insel Kurumba gestorben. Aber 16 Jahre lang stand in allen Büchern und Katalogen, er sei in Sri Lanka gestorben, weil das in der ersten Pressemitteilung seiner Galerie gestanden hat. Ich habe über dieses ungeprüfte Abschreiben, wodurch Unkorrektes schließlich zur Wahrheit mutiert, 2003 in meiner Schriften-Reihe einen ganzen Band mit Beispielen gefüllt.

Frage: Wo hat die Kunstkritik in jüngster Zeit Fehler gemacht?

Antwort: Die Kunstkritik hat vollständig versagt im Zusammenhang mit dem Fall Gurlitt. Da ist alles mögliche durcheinander geraten - wieviel wirklich wichtige Bilder dabei waren, wie hoch die Zahl der gefundenen Bilder überhaupt ist. Keiner aber hatte sich anfangs detailliert mit dem Namen Gurlitt befasst. Tagelang sind Artikel geschrieben worden, die überhaupt nicht haltbar waren. Da hat sich die Kunstkritik ziemlich blamiert.

ZUR PERSON: Der am 2. Oktober 1936 in Gera geborene Walter Vitt war viele Jahre beim WDR tätig und außerdem Kunstbeauftragter des Senders. Seit 1978 ist Vitt Mitglied der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA, von 1989 bis 2008 war er auch Präsident des Verbandes, der die Kritiker-Auszeichnung «Museum des Jahres» vergibt. Vitt ist zudem Gründer und Herausgeber einer 25-bändigen AICA-internen Reihe «Schriften zur Kunstkritik».

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erstellt am 30.Sep.2016 | 11:20 Uhr

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