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Kultur

08. Dezember 2016 | 23:05 Uhr

Prägnant : «Und tschüs» - Harry Rowohlts letzte Briefe

vom

Harry Rowohlt schrieb an Veranstalter und Verleger, an Autoren und Autogrammjäger. Mal herzlich, mal böse, immer mit Schreibmaschine. Jeder Brief ist ein Unikat, viele mit Liebe für Sprache wohlbedacht formuliert. Nun ist die vermutlich letzte Sammlung erschienen.

Jede Seite ist ein bisschen wie eine kleine Ode an ein in Vergessenheit geratenes Handwerk. Nicht nur, weil Harry Rowohlt Briefe mit der Schreibmaschine zu verfassen pflegte. Sondern schlicht, weil er sich die Zeit nahm, persönliche Schreiben zu formulieren.

Und selbst in kurzen Sätzen lässt er seiner Liebe für Sprache freien Lauf. Mehr als ein Jahr nach dem Tod des Übersetzers, «Lindenstraßen»-Penners und Pu-der-Bär-Fans im Juni 2015 ist nun der Band «Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III» erschienen.

Darin zu finden sind «Ergebenheitsadressen» an Veranstalter, Briefe an Freunde, aber auch Antwortschreiben an ein 13-jähriges Mädchen und ein Briefwechsel mit Joachim Gauck zu einer Zeit, als der noch für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte. Rowohlt macht Journalisten auf Fehler aufmerksam - und auch darauf, dass er wenig von ihnen hält: «Wenn 200 Menschen in einer Lesung sitzen, wissen 199, warum sie da sind. Der eine, der mit null Checkung im Wachkoma auf dem Schlauch steht, berichtet anschließend für die Presse darüber.»

Die Briefe beginnen mit unterschiedlichen Anreden und enden mal förmlich mit «Harry Rowohlt», mal persönlicher mit «Harry», mal mit den Initalien «HR». Und selbst wenn Rowohlt in mehreren Briefen dieselben Anekdoten zum Besten gibt, sind sie doch oft neu formuliert, keine Stanzen, keine Massenabfertigung. 25 überquellende Ordner hat Rowohlts Kollegin und Herausgeberin Anna Mikula nach eigenen Angaben gesichtet. «Harry Rowohlt hat mich zu Lebzeiten autorisiert, dieses sein Vermächtnis zu kompilieren, bzw. sagte er: "Mach's, aber nerv mich nicht damit!"», schreibt sie im Vorwort.

In den Texten wimmelt es von Sätzen, die sich einbrennen. Meist dann, wenn Rowohlt sich ärgert oder seiner Missstimmung freien Lauf lässt: «Theater sind für mich Stätten namenlosen Elends», «Autogrammjäger sind die niedrigste Form menschlichen Lebens und haben außer unserem Mitleid auch Strafe verdient», «Sagen Sie Ihre Gedichte doch verdammtehackenochmal selbst auf!», formuliert er pointiert.

Auch manche Auftritte scheinen ihm negativ in Erinnerung geblieben: «Bevor ich nochmal eine Lesung in Baden-Baden abhalte, hänge ich lieber im Kosovo tot überm Zaun.» Und nach der Schilderung einer ewig dauernden Zugreise schreibt er über den damaligen Bahnchef: «Wenn ich Mehdorn mal treffe, zwinge ich ihn, sein Toupet zu fressen.»

Hinzu kommen Absurditäten, etwa wenn er Wasserhähne grüßen lässt, es mitten in einem Brief heißt «Unterbrechen Sie mich, wenn ich Ihnen das schon erzählt habe» oder Rowohlt mit den Worten startet: «Keine Angst; ich möchte mir nur ganz kurz huldigen lassen.»

Und auch Absagen an Verleger haben es in sich: «Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb» oder «Jetzt bin ich so richtig schön in Ablehnlaune. Die muß ich nutzen. Vielen Dank für’s wiederholte Anerbieten!!» Zudem erfährt der Leser auf rund 350 Seiten, welche Frage Rowohlt Kanzlerin Angela Merkel stellen würde und welches angeblich sein Lieblingswort ist.

Neben der Tatsache, dass Rowohlt überhaupt Briefe schreibt, ist es die Akribie, mit der er das tut, die das Lesen unterhaltsam macht. Eine Fülle an Freude bieten selbst die Postskripta, die Rowohlt auch mal voranstellt, mal mit der Frage «Wie geht es Dir?» anhängt oder nach einem Brief mit nur wenigen Zeilen über einen Vorschlag zur Umbenennung einer Kulturwerkstatt mit dem Wort «Weltidee!!!» füllt.

Wie Herausgeberin Mikula im Vorwort sachlich festhält, ist es nicht mehr möglich, eines der unverwechselbaren Schriftstücke zu erhalten. Nach den ersten zwei Bänden «Nicht weggeschmissener Briefe» - beide noch zu Rowohlts Lebzeiten erschienen - dürfte die dritte Sammlung die letzte sein. Oder auch nicht? Noch vor dem Inhaltsverzeichnis heißt es: «Leider konnten nicht sämtliche Briefautoren ausfindig gemacht werden. Sie werden gebeten, sich beim Verlag zu melden.»

Harry Rowohlt: Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe. Kein & Aber, Zürich, 352 Swirwn, 20,00 Euro, ISBN 978-3-0369-5739-5

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erstellt am 11.Okt.2016 | 13:17 Uhr

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