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Kultur

10. Dezember 2016 | 13:48 Uhr

Musik : Sting: Jeder von uns könnte im Flüchtlingsboot sitzen

vom

Sting schreibt nicht nur wieder Rockmusik, sondern auch Songs mit politischen Texten, unter anderem zur Flüchtlingskrise. Die Menschen im Westen müssten sich selbst in den Flüchtlingsbooten vorstellen, sagt er.

Sting bringt mit «57th & 9th» sein erstes Album mit neuer Rockmusik seit über einem Jahrzehnt heraus.

Zur Veröffentlichung am Freitag sprach die Deutsche Presse-Agentur mit dem 65-jährigen britischen Musiker über die Schwierigkeit, Songs zu schreiben, seine Einstellung zur Musik und darüber, warum er wieder Lieder mit Texten zu politischen Themen schrieb.

Frage: Vor drei Jahren erzählten Sie von einer Schreibblockade, die Sie erst mit dem Musical «The Last Ship» durchbrochen hätten. Wie kam es, dass Sie wieder Rockmusik schreiben konnten?

Antwort: Ich glaube, Schreibblockade ist ein ziemlich dramatisches Wort, das nicht so nah an der Realität war, auch wenn ich selbst darüber gesprochen habe. Es gibt eben Zeiten, da ist man auf Tour oder verbringt Zeit mit der Familie - und schreibt nicht. Ich habe es gelernt, mein Leben in Abschnitte aufzuteilen. Dieses Album wurde sehr spontan aufgenommen. Ich wollte es in sehr kurzer Zeit machen - zwei Monaten. Und das Album hat eine einfache Energie in sich, die es nicht gehabt hätte, wenn ich mir mehr Zeit genommen hätte.

Frage: Waren Sie nach zwölf Jahren wieder hungrig darauf, Rock-Songs zu schreiben?

Antwort: Für mich ist das wichtigste Element in der Musik - in jeder Art von Musik, egal ob Klassik, Rock oder Pop - die Überraschung. Ich will in den ersten 16 Takten überrascht werden. Das gilt auch für meine eigene Musik. In den vergangenen zehn, zwölf Jahren habe ich Alben gemacht, die eher esoterisch waren. Ich folgte einfach meiner Neugier. Vielleicht haben die Leute jetzt mit mehr davon gerechnet. Aber ich wollte sie überraschen, damit sie sagen: Oh, das habe ich jetzt nicht erwartet.

Frage: Sie haben also alle Songs in zwei Monaten geschrieben?

Antwort: Wir haben im Studio in New York herumexperimentiert, und dann lief ich nach Hause und versuchte, eine Geschichte dazu auszudenken. Manchmal habe ich mich draußen in der Kälte hingesetzt und ging erst rein, wenn ich einen Song fertig hatte. Dieser Druck half. Manchmal ist mein Leben zu bequem. Für den künstlerischen Prozess muss man die Komfortzone verlassen.

Frage: Sie haben seit den 80er Jahren nicht so viele Songs mit politischen Themen auf einem Album gehabt. Warum jetzt wieder?

Antwort: Ich bin ein Bürger. Ich weiß, was auf der Welt los ist. Wenn man zu schreiben anfängt, drängen sich diese Sachen von alleine auf. Einer der Songs handelt von der Flüchtlingskrise, der andere vom Klimawechsel. Das sind Dinge, die vielen Menschen Sorgen machen.

Frage: Können Ihre Fans damit etwas anfangen?

Antwort: Die Flüchtlingskrise wird vom Krieg befeuert. Von dem Krieg in Syrien. Aber alle Waffen, die sie dort anwenden, werden produziert in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Russland, Amerika. Die Syrer fliehen vor der Gefahr. Die Afrikaner fliehen vor der Armut. Irgendwann werden sie vor den Folgen des Klimawandels fliehen. Ich glaube nicht, dass die Krise verschwinden wird.

Frage: Sehen Sie eine Lösung für das Problem?

Antwort: Ich kenne nicht die Antwort darauf. Ich weiß nur, dass sie auf Mitgefühl aufbauen muss. Dem Verständnis, dass wir selbst in diesen Booten sein könnten. Ich könnte ein Vater und Ehemann mit meiner Familie in einem dieser Boote sein. Es ist wichtig, sich das vorzustellen. Sie sind Menschen wie wir und sie verdienen es, in Sicherheit zu sein. Aber wie man das politisch erreichen kann - ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein.

Frage: Aber Sie glauben, dass Songs Menschen zum Nachdenken darüber anstiften können?

Antwort: Ich glaube, dass Lieder eine Saat ausbringen können. Ich denke nicht, dass ein Song die Welt verändern kann, so naiv bin ich nicht. Aber man kann einen Song einer Gruppe von Leuten vorsingen, und vielleicht wird einer von ihnen später Präsident.

ZUR PERSON: Der Musiker Sting (65) wurde als Gordon Sumner in einer kleinen Stadt in Nordengland geboren, in einer Straße, in der riesige Schiffe in einer Werft oft die Sonne verdeckten. Der Sohn eines Milchmanns wollte aber Musiker statt Werftarbeiter werden. Mit der Band The Police gelang ihm in den 70er Jahren der Durchbruch. Es folgte eine Solo-Karriere mit Millionen verkaufter Platten. Den Künstlernamen Sting (Stachel) verdankt er gestreiften Pullovern.

Sting-Website

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erstellt am 11.Nov.2016 | 00:01 Uhr

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