zur Navigation springen

Kultur

08. Dezember 2016 | 17:07 Uhr

Teppich von Bayeux : Spätmittelalterlicher Comic

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Teppich von Bayeux in Frankreich gehört zum Weltkulturerbe.

Klein, aber oho! Knapp 14  000 Einwohner zählt das im Département Calvados gelegene Bayeux. Und doch gehört Bayeux zu den schönsten Städten der Normandie. Neben einer prächtigen, im Stil der Hochgotik erbauten Kathedrale und einem anmutigen Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert wartet sie mit weiteren architektonischen Kostbarkeiten auf. Besonders empfehlenswert ist ein Spaziergang durch das Gerberviertel.

Die Hauptattraktion des Städtchens aber ist das „Centre Guillaume le Conquérant“ (Zentrum Wilhelms des Eroberers), in dem der berühmte Teppich von Bayeux ausgestellt ist, der die Schlacht bei Hastings vor 950 Jahren bildlich erzählt. Am 14. Oktober 1066 schlug der Normanne Wilhelm den englischen König Harald II. vernichtend. Kurz darauf gab Bischof Odo von Bayeux den Teppich in Auftrag, der von englischen und französischen Nonnen auf Leinen gewebt wurde. 2007 erhob die UNESCO ihn zum Weltkulturerbe.

 

Andächtig verharren die Besucher vor dem ehemals 70 Meter langen und 5 Meter hohen Artefakt, das alle Details des Waffengangs ebenso akribisch wie drastisch darstellt. Der Raum ist in mystisches Halbdunkel getaucht. Ungewohnte spätmittelalterliche Klänge, dominiert von Flöte, Schalmei und Maultrommel, begleiten den Betrachter von einer Etappe der Schlacht zur nächsten. Während die ersten Bilder die Vorgeschichte des Konfliktes darstellen – die Krönung Haralds II. in Westminster –, geht es in den nachfolgenden Sequenzen bereits um die Vorbereitung der Kriegshandlungen. „Wo Harald, der Herzog der Angeln, und seine Soldaten nach Bosham reiten“ wird gefolgt von Haralds Überfahrt unter geblähten Segeln auf das Festland.

Plötzlich durchweht ein frischer Wind den sakralen Raum. Eine Schar Zehnjähriger vom nahe gelegenen Lyzeum besucht mit ihrem Lehrer das Museum.

„Guck mal, Laurent, unsere Vorfahren hatten auch schon Comics“, freut sich einer und versucht, die lateinische Inschrift, die von der Schlacht zu Wasser kündet, ins Französische zu übersetzen. Der Lehrer freut sich über den Eifer, gemahnt die Jugendlichen jedoch zur Ruhe. Und ein Comic! Ist das nicht ein wenig respektlos gegenüber dem wohl berühmtesten Bildwerk des Spätmittelalters?

Bis zum Tod Haralds durch die Normannen muss der Betrachter sich noch durch manch kriegerische Szene durcharbeiten. „Hier ist Harald geschlagen“, steht unter dem letzten Bild, „und die Engländer wenden sich zur Flucht.“ Und so endet der Teppich von Bayeux nach genau 68,35 Metern Länge. Es fehlen also genau ein Meter und fünfundsechzig Zentimeter. Es wird vermutet, dass die fanatisierten Akteure der französischen Revolution die Krönung Wilhelms zum König schnipp-schnapp herausgeschnitten haben, weil Royales nun mal nicht in ihr Konzept der Abschaffung der Monarchie passte.

Trotz langjähriger Suchaktionen ist es bis dato nicht gelungen, das fehlende Textilstück ausfindig zu machen. „Das ist sehr schade“, wie eine Mitarbeiterin des Zentrums resigniert feststellt. Dennoch – auch gekürzt ist der Teppich von Bayeux ein unvergleichliches Erbe abendländischer Kultur, das jeder Europäer unbedingt gesehen haben sollte.

Website: de.rendezvousenfrance.com



zur Startseite

von
erstellt am 19.Nov.2016 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen