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Kultur

09. Dezember 2016 | 01:00 Uhr

Ideale von damals : Sinnsuche am FKK-Strand

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Volker Braun gibt sich im neuen Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ desillusioniert

Lange glaubte Volker Braun an einen besseren Sozialismus. Selbst noch als die Mauer fiel, hielt er gegen den Zeitgeist daran fest und plädierte für einen „dritten Weg“. Und heute? Sucht der Dichter am Strand von Vitte auf Hiddensee unter Nudisten nach den Idealen von damals. „Hier herrscht die Gleichheit in Gestalt der Blöße“, wirft er in dem Gedicht „Der Nacktstrand“ in den Raum, nur um gleich darauf enttäuscht festzustellen, dass selbst da nicht alle Menschen gleich sind: „Mein kleines Ding die reinen Qualen leidet/Denn wie beim Pferd logiert es innewendig./ Im Paradies, gewiss, geht man nicht unbekleidet.“

Es ist fast schon tragisch, was aus dem Mann geworden ist, der oft als der „letzte Utopist“ bezeichnet wurde. Im neuen Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ gibt sich der 1939 in Dresden geborene Volker Braun völlig desillusioniert und weiß sich nur noch mit Galgenhumor zu helfen. Von den hehren Idealen ist ihm nur ein „Ziehn in der Seele“ geblieben, „obwohl längst der Splitter entfernt ist“, wie es im Gedicht „Die Wunde“ heißt. Angewidert staunt er als „digitaler Idiot an der elektronischen Fußfessel“ der Neuen Medien über die „Dummheit der Welt“. Nur noch Verachtung und Sarkasmus hat er dafür übrig. „Wo will diese Menschheit hin und landen und untergehn?“, fragt er, wenn er die Bankenkrisen und das Flüchtlingsleid sieht, wo am Flughafen doch zeitgleich die „billigfliegende Gattung“ unterwegs ist, mit ihren monströsen Schminkkästen, die nur dazu dienen, die „lebensmüden Gesichter“ wegzuschminken.

Auf der Puerta del Sol, einem der meistbesuchten Plätze von Madrid, sah Volker Braun die in improvisierten Regalen untergebrachte Handbibliothek, die seinem Buch den Namen gibt. So zusammengewürfelt wie die Titel in dieser Volksbibliothek muten auch die 74 Gedichte des Sachsen an, die alle aus den vergangenen zehn Jahren stammen. Die Wahllosigkeit ist Konzept. Ob es die Autos sind, die mit Zuckerrohr und Mais angetrieben werden, während anderswo Menschen an Hunger sterben. Die Halligen am Golf von Dubai, die ein „dunkles Heer“ von Sklaven aus dem Meer stampft, damit „Wir Blumenkinder mit den Konten“ aus dem Westen uns darauf vor Luxusvillen sonnen können. Oder die Waldschlößchenbrücke in Dresden, dieser „Von Amts wegen oder Volks Willen“ errichtete „totale Stieg“, der eine alte Kulturlandschaft zerstört. Volker Braun wettert gegen alles und jeden. Und er hat ja recht!

„Worte fischend im Restlicht der Verblendung/Ein Buchhalter oder Romancier der Ausrottung.“ So nennt er sich selbst im Zyklus „Wilderness“, dem längsten Gedicht des Bandes. Sogar die Seele ist abgemagert, „zwangsernährt von dem Schrott“ überall um ihn, schreibt er in einem anderen Text. Nicht glauben will er, dass alle sich das bieten lassen. Dass sie wie Leguane reglos den Börsen- und Bankencrashs zusehen. „Wo ist nun unser Mut? Das Aufbegehren?/Ihr zogt zuhauf und ließt die Seele reisen/ Und wart das Volk. Jetzt soll ich Volker heißen/Und meinen Witz von unsrer Schwachheit nähren/Und Widerstand im Warenhaus bewähren“, heißt es in „Kassensturz“ in Anspielung an die Montagsdemons und die von Fritz Rudolf Fries überlieferte Anekdote, wonach Volker Braun auf den „Wir-sind-das-Volk“-Ruf der Massen ein „Ich bin Volker“ erwidert haben soll.

Nicht so sprachgewaltig wie früher kommen die Verse daher, der Wortwitz ist nicht mehr so ausgeprägt. Ob das an Brauns Kapitulation liegt oder nur am Konzept des neuen Gedichtbandes, wird die Zukunft zeigen. Wie dem auch sei: Er bleibt sich treu. In der DDR wollte er sich mit den Gegebenheiten nicht abfinden und lud zum „Training des aufrechten Ganges“ (1979). Nach der Wende mit all ihren Enttäuschungen des Kapitalismus dann schrieb er sein Lob „Auf die schönen Possen“ (2005). An der Gesellschaft arbeitet sich der Träger des Büchner- und Nationalpreises weiter ab, wenn auch heute mit nicht mehr ganz so großem Enthusiasmus wie ehedem.
 

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erstellt am 17.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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