zur Navigation springen

Kultur

04. Dezember 2016 | 02:53 Uhr

Leben und Kunst : Performancekünstler Ulay in der Schirn

vom

Mit seinen Aktionen hielt Ulay einst die Berliner Polizei in Atem. Die Frankfurter Schirn bietet jetzt einen Überblick über den aus Solingen gebürtigen Künstler, der wieder neu entdeckt wird.

Auf der Chinesischen Mauer ist sich das Künstlerpaar Ulay und Marina Abramovic 1988 auf rund 4000 Kilometer entgegengewandert. Nach 90 Tagen trafen sie aufeinander - und verabschiedeten sich für immer.

Es war die spektakuläre Abschluss-Performance eines (Liebes-)Paares, das viele Jahre mit seinen bizarren Aktionen über die Kunstwelt hinaus für Aufsehen gesorgt hatte.

Nach der Trennung wurde Abramovic in New York später berühmt, während es um Ulay ruhig wurde. Jetzt widmet die Frankfurter Schirn dem Künstler, der eigentlich Frank Uwe Laysiepen heißt und aus Solingen stammt, eine große Ausstellung. Unter dem Titel «Ulay Life-Sized» stehen dabei vom 13. Oktober bis 8. Januar 2017 die fotografischen Arbeiten im Zentrum.

Der inzwischen 72-Jährige hat sich seit Ende der 1960er Jahre in seiner Wahlheimat Amsterdam in Polaroid-Fotos mit der eigenen Geschlechtsidentität und seinem Körper auseinandergesetzt - und Porträts von Transsexuellen, Transvestiten oder Obdachlosen angefertigt. Ulay hat damals Tätowierungen thematisiert, als dieser Körperschmuck nur von Matrosen und «Knackis» bekannt war. Damit gehört er auch zu den Pionieren der «Body Art».

Die Ausstellung will einen Überblick über das heterogene Werk im fast 50 Jahre umfassenden Schaffen Ulays geben - auf einen roten Faden wurde bewusst dabei verzichtet. Der Besucher muss sich also selbst die Rosenen rauspicken. Dazu gehören zweifellos zwei der Videoarbeiten Ulays mit Abramovic. 1977 bezogen sie in Bologna erstmals das Publikum ein, als sie in einem engen Eingang zu einem Museum sich nackt gegenüberstehen und die Besucher sich - amüsiert oder genervt - durchzwängen müssen.

Dem Paar Ulay und Abramovic ging es um Grenzüberschreitungen - das Intime wurde zum öffentlichen Akt gemacht. Oder um gezielte Provokation wie in einer auf Video festgehaltenen Aktion Ulays vom Dezember 1976.

Er narrte damals die Berliner Polizei, als er Carl Spitzwegs «Armen Poeten» aus der Neuen Nationalgalerie entwendete. Der Künstler brachte das Biedermeier-Bild in die Wohnung einer türkischen Gastarbeiterfamilie in Kreuzberg, wo das Gemälde einen passenden Platz an der Wandtapete fand. Anschließend rief er im Museum an - das Bild durfte abgeholt werden.

Auch mit dieser Performance hat der inzwischen im slowenischen Ljubljana lebende Ulay prophetische Kraft bewiesen, meint scherzhaft Philipp Demandt, erst seit wenigen Tagen im Amt als neuer Chef von Frankfurter Schirn und Städel. Denn 1989 wird Spitzwegs «Poet» erneut gestohlen - das Bild ist bis heute verschwunden.

Frankfurter Schirn zu Ulay

zur Startseite

von
erstellt am 12.Okt.2016 | 16:27 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen