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Kultur

05. Dezember 2016 | 15:31 Uhr

Live-Konzerte : Perfekte Wilco-Shows vertreiben alle Sorgen

vom

Die beiden letzten Wilco-Alben klangen weniger ambitioniert als ihre Vorgänger. Muss man sich um diese Band also Sorgen machen? Tolle Deutschland-Auftritte von Tweedy und Co. beseitigen alle Zweifel.

«Was ist nur mit Jeff Tweedy und seiner Band Wilco los: Ist sie sich selbst zu groß oder zu schön geworden?» Das fragte kürzlich eine große Tageszeitung, hinter der immer ein kluger Kopf stecken soll.

Die Begeisterung für das spröde neue Album «Schmilco» mag bei manchen Fans gedämpft sein - was die Live-Qualitäten des Sextetts aus Chicago anbetrifft, kann Entwarnung gegeben werden.

Keine Frage: Wilco sind nach wie vor eine der besten Rockbands der Welt, die virtuoseste wohl allemal. Das machten Konzerte von Tweedy und Co. beim Ostsee-Indoor-Festival «Rolling Stone Weekender» am Wochenende und eine ebenso grandiose, noch ausuferndere Show am Montagabend im Berliner Tempodrom mehr als deutlich.

Welche Band kann es sich schon erlauben, fast 30 Songs umfassende Auftritte hinzulegen - und dabei so gut wie gar nicht auf zwei ihrer stärksten Alben zurückzugreifen? Wilco tun das derzeit bei ihrer Europa-Tournee - in deutschen Hallen war eine Menge selten gespieltes Material von «Yankee Hotel Foxtrot» (2002) und «A Ghost Is Born» (2004) zu hören, aber kaum etwas von neueren Meisterwerken wie dem melodieseligen «Sky Blue Sky» (2007) und «The Whole Love» (2011). Vermisst wurde trotzdem nichts.

Zudem entfalteten die mit Garagenrock und Akustik-Folk liebäugelnden Werke «Star Wars» (2015) und «Schmilco» (2016) am Ostseestrand und in Berlin ungeahnte Wirkung. Tweedy durchbrach die reservierte Aufnahme dieser Alben bei Kritikern und Fans mit einem ironischen Sprüchlein - und zeigte dann zusammen mit seinen fünf Kollegen, wie gut «Random Name Generator», «The Joke Explained», «If I Ever Was A Child» oder «We Aren't The World (Safety Girl)» im Live-Kontext funktionieren.

Wilco 2016: Das ist eine verschworene Einheit von sechs sehr unterschiedlichen Musikern - und eine perfekt funktionierende Bühnen-Maschine, in der dennoch Raum für Spielfreude, auch Improvisation bleibt. Seit zwölf Jahren spielen die US-Amerikaner bereits in dieser Besetzung, nachdem Tweedy früher oft mit anderen Bandmusikern aneinandergeraten und das Line-Up sehr unsicher war.

Jedenfalls konnte man nicht immer damit rechnen, dass Wilco auch gut 20 Jahre nach ihrem Countryrock-Debütalbum «A.M.» noch existieren - und mittlerweile eine Indie-Kultband geworden sind, deren Alben sich zudem sehr gut verkaufen, deren Konzerte weltweit meist ausverkauft sind. Die Freude bei Musikern und Fans über das gemeinsame Miteinander-alt-werden war auch jetzt wieder spürbar.

Der einst oft muffelige Gitarrist und Sänger Tweedy zog mehrfach seinen weißen Stetson vor dem euphorischen Publikum, lächelte viel, fühlte sich wohl. Seine immer struppigere äußere Erscheinung ließ den Frontmann diesmal wie einen sympathischen Teddybären wirken. Was Nels Cline (einer der letzten Gitarrenhelden unserer Zeit), Drummer Glenn Kotche, Bassist John Stirratt, Keyboarder Mikael Jorgensen und Multiinstrumentalist Pat Sansone an ihren Instrumenten leisten, ist zwar seit langem bekannt - aber doch immer wieder staunenswert.

Phänomenale Cline-Soli im auf rund zehn Minuten gedehnten «Impossible Germany» oder im Elektro-Rock-Kracher «Art Of Almost», Kotches Schlagzeugwucht in «Via Chicago», Jorgensens Boogie-Piano in «I'm The Man Who Loves You», Tweedys bittersüßer Gesang in Balladen wie «Reservations» oder «Jesus Etc» - beide Konzerte waren mit Highlights gespickt. Und dass Wilco demnächst mal wieder ein wirklich großes Studioalbum herausbringen, ist dieser Band nun wirklich zuzutrauen.

Eine Irritation gab es beim zweistündigen Berliner Auftritt dann aber doch - als der linksliberale Demokrat Tweedy am Vorabend der US-Präsidentenwahl zum Besten gab, es sei doch ganz toll, wenn Donald Trump gewinne. Nur ein schlechter Scherz, schob der 49-Jährige rasch nach. «Und löscht das bitte ganz schnell aus Euren Konzertvideos!»

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erstellt am 08.Nov.2016 | 14:00 Uhr

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