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Kultur

03. Dezember 2016 | 18:38 Uhr

Die gute alte Zeit : Noch einmal ein Blick zurück: «Letzte Freunde»

vom

Abgesang auf Merry Old England: Jane Gardam beendet ihre charmante und wehmütige Anwalts-Trilogie.

Sehr spät hat Jane Gardam, die Grande Dame der britischen Literatur, ihr deutsches Publikum gefunden. Genau genommen war es erst vor einem Jahr, als ihr Roman «Ein untadeliger Mann» völlig überraschend hierzulande zu einem Bestseller avancierte.

Dann aber ging es Schlag auf Schlag. Nur ein halbes Jahr später folgte «Eine treue Frau» und jetzt schon der dritte Band der Trilogie «Letzte Freunde».

Noch einmal wirft die fast 90-Jährige darin einen etwas wehmütigen, aber auch amüsierten Blick auf Großbritanniens gute alte Zeit, die natürlich nur die des Empire sein kann. In allen drei Romanen geht es im Kern um eine Dreiecksgeschichte, die größtenteils in der Kronkolonie Hongkong spielt.

Die Star-Anwälte Edward Feathers und Terry Veneering sind nicht nur erbitterte Konkurrenten, sie lieben auch noch dieselbe Frau. Doch während Feathers Ehe mit Betty eher von praktischer Vernunft geleitet ist, sind Betty und der glänzend aussehende Veneering durch unterschwellige Leidenschaft miteinander verbunden. Aparterweise schildert Gardam die Ehegeschichte im ersten Band aus der Perspektive des «untadeligen» Mannes Edward, im zweiten aus der seiner Frau.

Nun kommt als drittes Puzzleteil die Sicht der Freunde dazu. Als Epilog weist «Letzte Freunde» dann noch über den Tod der drei Hauptakteure hinaus. Stärker als die beiden Vorgängerbücher ist dieser Roman von Melancholie umweht, sind Alter und Tod doch hier Hauptmotive. Schon der Auftakt gibt die Richtung vor.

Sir Edward, auch Old Filth genannt, ist inzwischen Witwer. Bei einem Glas Gin Tonic sitzt er auf seiner Terrasse und beobachtet die Krähen. Sein Nachbar und alter Rivale Terry Veneering ist kurz zuvor «nach einem lächerlichen Abenteuer» infolge eines unglücklichen Sturzes auf Malta gestorben. Doch selbst noch nach dessen Tod piesackt Old Filth die alte Rivalität. So freut er sich diebisch, dass die Krähen seinen Garten bevorzugen, obwohl doch Veneerings Bäume größer und dunkler sind: «Krähen, dachte Old Filth, suchen sich ihre Freunde aus.» Nur kurze Zeit später stirbt auch er einen ebenso einsamen wie symbolischen Tod in der Ferne, an seinem alten Geburtsort Malaysia.

Malta, Hongkong, Singapur - Orte, die hier mit der gleichen Selbstverständlichkeit auftauchen wie Middlesbrough, Dorset oder Teesside und die den Charme des alten Empire verströmen. Ebenso der Habitus einer Gesellschaft, die nach festgefügten Normen und Ritualen lebt, die Sicherheit und Behaglichkeit ausstrahlen. Man kann sich vorstellen, dass sich viele Menschen im Brexit-England nach genau diesen Zeiten nationaler Größe und gleichzeitig überschaubarer Ordnung zurücksehnen und so gerne zu Gardams Büchern greifen.

Doch Gardam liefert keine Wohlfühl-Prosa, sie zeigt durchaus auch die Kehrseite der Medaille. Die Autorin beschreibt in einem Kapitel das harte Leben in der Zwischenkriegszeit in den Stahl- und Kohlegebieten des Nordostens. Dort wächst die spätere Anwaltskoryphäe Veneering als Sohn einer patenten Kohlehändlerin und eines obskuren Russen aus Odessa («Der Kosake») in bescheidensten Verhältnissen auf.

Nur einer glücklichen Eingebung hat er es zu verdanken, dass er als Kind in letzter Minute einem Schiff fernbleibt, das auf seinem Weg nach Kanada von den Deutschen torpediert wird. Diese Last einer schwierigen Vergangenheit und des Krieges ist immer auch Teil dieser Generation.

Gardams Können zeigt sich am raffiniert-verzahnten Aufbau der Geschichte, vor allem aber an den Charakterzeichnungen, hier besonders gelungen in den mit britischem Humor gewürzten Porträts der alten Freunde Dulcie und Fiscal-Smith. Sie ist ein etwas naives, letztlich aber doch gutherziges altes Lästermaul, er ein sparsam-verschrobener Sonderling aus dem Norden. Alte Freunde, so meint er, muss man «gründlich und unnachgiebig betrachten. Wie die alten Kleider im Schrank:gelegentlich muss man sie auf Motten durchsehen. Und sie dann gegebenenfalls wegwerfen und vergessen.» Manchmal allerdings findet man auch Schätze wieder. Und so endet dieses Buch dann doch versöhnlich.

- Jane Gardam: Letzte Freunde, Hanser Verlag, Berlin, 240 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-446-25290-5

Letzte Freunde

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erstellt am 15.Nov.2016 | 15:04 Uhr

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