zur Navigation springen

Kultur

26. Juli 2016 | 00:01 Uhr

Literatur : Nis-Momme Stockmann: Hoffnung auf Leipziger Buchpreis

vom

Schon mit seinem ersten Stück «Der Mann der die Welt aß» machte Nis-Momme Stockmann 2009 Furore. Seitdem gilt der in Berlin lebende 34-jährige Dramatiker als Hoffnung am Theaterhimmel. Jetzt hat es sein erster Roman «Der Fuchs» aus dem Stand auf die Shortlist der Leipziger Buchmesse geschafft.

Es ist eine skurrile, abgedrehte Geschichte ums Erwachsenwerden und zugleich ein sehr genauer Blick auf die Lebensbedingungen einer verlorenen Generation - manchmal aber auch alles zuviel auf einmal.

Es geht um den anfangs zehnjährigen, etwas seltsamen Finn, der mit seinem geistig behinderten Bruder und der verhärmten Mutter in einem Kaff ganz im Norden Deutschlands aufwächst (Stockmann ist auf der Nordseeinsel Föhr geboren). Der Vater hat sich aus Verzweiflung über das familiäre Elend umgebracht. Und Finn bekommt erst langsam Boden unter die Füße, als er sich in die selbstbewusste und mutige Katja verliebt. Die beiden beginnen ein Spiel, das immer mehr eine eigene geheimnisvolle Dynamik entwickelt.

Über 700 Seiten hat das Buch. Und der Leser weiß so ziemlich von Anfang an, wie es ausgeht: Katja wird in der Psychiatrie landen und der Ort versinkt - wie sie es vorausgesagt hat - in einer Sturmflut. Und doch behält die bisweilen überbordende Geschichte bis zum Schluss eine eigentümliche Spannung. Finn ist der einzige, der sich in diesem Weltuntergang mit zwei «Freunden» zunächst in ein Boot retten kann. Dem Tod entgegensiechend, konfrontiert ihn ein einst mit Katja angelegtes Erinnerungsbuch nochmals mit der eigenen Vergangenheit.

In seltenen Augenblicken hat die Geschichte Anklänge an den federleichten Ton, den der verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf einst für seinen Jugendroman «Tschick» fand. Aber Stockmann sieht sehr viel düsterer auf das «schrecklich Gewöhnliche», das seine Figuren in dieser zukunftslosen Kleinstadt gefangenhält. Wie er das Abhängen von Finns schrägem Freundeskreis schildert, die Brutalität eines ins Asoziale abgerutschten Brüdertrios oder den kotverschmierten Alltag mit dem behinderten Bruder, das ist schon sehr bedrückend.

Vermeintlicher Rettungsanker ist einzig die Liebe zu Katja, die sich als Vorkämpferin einer neuen Welt versteht. «Hier und heute wird die Waage austariert. Und zwar durch dich und mich», beschwört sie Finn. Und tatsächlich passieren immer mehr eigenartige Dinge. Erst ist es nur ein abgetrennter Arm, der am Deich liegt. Doch nach und nach gibt es 39 Todesopfer. Und immer ist ein geheimnisvolles Zeichen im Spiel - ein doppelter Kreis mit einem halb durchgezogenen Strich.

Stockmann erzählt in vielen einzelnen Strängen, dazwischen eingewoben eine mythische Geschichte um Urgöttin Tiamat sowie eine Science-Fiction-Agentenstory aus Katjas Kopfwelt. Über weite Strecken markiert der Autor durch mehrere eingerückte Linien am Rand, um welchen Strang es gerade geht - manchmal hält er vier, fünf Bälle gleichzeitig in der Luft. Und der Leser kann dem Stakkato nur mehr atemlos folgen. Am Schluss weiß er (wie Finn) immer weniger, was wirklich passiert. In einem Fieberwahn löst sich alles auf.

Seine besondere Stärke hat das Buch in der Schilderung des trostlosen Alltags der Jugendlichen - auch wenn Stockmann manchmal arg gewollt Jugend-Slang mit stilisierter Bildsprache kombiniert. Weniger glaubhaft sind dagegen die Passagen, in denen er seinen Helden aus Erwachsenensicht über die existenziellen Fragen der Menschheit philosophieren lässt. Da hört man doch den Autor selbst allzu viel trapsen. Immerhin, am Schluss darf Finn zumindest träumen, endlich der schlaue Fuchs zu sein, als den ihn sich seine Katja immer wünschte.

- Nis-Momme Stockmann, Der Fuchs, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, 720 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-498-06153-1

Leipziger Buchmesse zu Nominierung

Buchhinweis des Verlags

zur Startseite

von
erstellt am 26.Feb.2016 | 08:25 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen