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Kultur

05. Dezember 2016 | 21:36 Uhr

Reformation : Neue Biografie: Kein lieber Luther mit Wohlfühlfaktor

vom

Die Oxford-Historikerin Lyndal Roper suchte jahrelang in Archiven nach dem «Mensch Martin Luther». Sehr sympathisch kommt der große Reformator bei ihr nicht daher. Er war ein Alphatier und stellte auch Freunde brutal kalt.

Verstopfung, Kopfschmerzen, Ohrensausen, Zahnschmerz - der Teufel teilte viele Schläge gegen Martin Luther aus. Was aber haben Darmträgheit und Luthers spätere Fettleibigkeit mit der Lehre des großen Reformators zu tun? 

Die Oxford-Historikerin Lyndal Roper gibt in ihrer 750-Seiten-Biographie «Der Mensch Martin Luther» Antworten darauf. Die Historikerin sucht den Zugang zum Menschen Luther und seinem Denken vor allem über die Körperlichkeit. «Luther dachte mit und durch den Körper», sagt Roper im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Roper ist damit nicht nur die erste Frau, die eine umfassende Biografie des abtrünnigen Mönches vorlegt, sondern auch die erste, die eine Körpergeschichte Luthers schrieb. Die feministische Expertin für die Geschichte der frühen Neuzeit, Reformation und Hexenwahn zeichnet kein wirklich sympathisches Bild des Kirchenspalters, dessen Thesenanschlag zu Wittenberg 1517 sich im kommenden Jahr zum 500. Mal jährt. Damit bestimmt Roper im Lutherjahr die Debatte über die Reformation maßgeblich mit - und wurde am Montagabend in Düsseldorf mit dem Gerda Henkel Preis geehrt, der als eine der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Auszeichnungen gilt.

Dass Luther (1483-1546) dreckige Witze machte, sexistisch war und ein schlimmer Antisemit, der wilde Hetzschriften gegen Juden verfasste, ist weithin bekannt. Dies sei aber auch eine «komplizierte Erblast für die Protestanten», sagt Roper. Luthers ausgeprägter Hang zu Fäkalrhetorik ist für sie dagegen kein Problem und schon gar nicht pathologisch, sondern Ausdruck von Kreativität und Spielerei.

Luther thematisierte seine sexuellen Begierden und Gebrechen offen und ausführlich in seinen Briefen. Laut Roper machte er keinen scharfen Unterschied zwischen Fleisch und Geist, wie es in der christlichen Theologie üblich war. Auch Christus habe Stuhlgang gehabt, schrieb er an einen jungen Herzog.

Die Klingelgeräusche im Ohr - heute würde man wohl von Tinnitus sprechen - waren für Luther allerdings Angriffe des Teufels. Und der Teufel war für Luther präsent, er rang mit ihm auch im eigenen Körper.

Auch mit einigen Mythen rund um die 95 Thesen räumt Roper auf. Dass die scharfe Kritik am Ablasshandel und der Käuflichkeit der Kirche sich so rasend schnell binnen zwei Monaten verbreiten konnte, führt sie auch darauf zurück, dass der bis dahin unbekannte Luther nachhalf. So schickte er seine Schriften ausgewählten Kirchenoberen und nutzte wohl auch die Druckerpresse in der Wittenberger Nachbarschaft. Luther war ein Vielschreiber, dessen Arbeitsleistung laut Roper dazu führte, dass der Buchdruck zu einem der wichtigsten Industriezweige Wittenbergs wurde.

«Atemberaubend» aber sei der Mut Luthers gewesen, beim Reichstag in Worms dem Kaiser und den mächtigsten Reichsfürsten die Stirn zu bieten - den drohenden Scheiterhaufen immer vor Augen. Luther habe eine «enorme Ausstrahlung» gehabt. «Aber wenn man Streit mit ihm hatte, war die Feindschaft unerbittlich.» Der Reformator konnte laut Roper «ein wunderbarer Tröster sein, aber Menschen auch richtig niedermachen».

Luthers Frömmigkeit war «kein Zuckerwerk», schreibt Roper. Er sei kein Gläubiger gewesen, der «fröhlich» auf die Erlösung vertraute. Insofern muten die zahlreichen vergnügten Motto-Sprüche der evangelischen Kirchen im Lutherjahr etwas seltsam an. In der Laudatio auf Roper hieß es, ihr Buch sei ein «Gegengift» zur Darstellung Luthers als Reformator «zum Liebhaben und Wohlfühlen».

Lyndal Roper, «Der Mensch Martin Luther: Die Biographie», S. Fischer Verlag, 730 Seiten, 28,- Euro, ISBN: 978-3-10-066088-6

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erstellt am 08.Nov.2016 | 14:33 Uhr

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