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Kultur

06. Dezember 2016 | 18:59 Uhr

Hardy Krüger : „Nachts kommt die Todesangst“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In seinem neuen Buch will Hardy Krüger vor allem junge Menschen vor Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit warnen

Nachdenklich steht Hardy Krüger im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe und zeigt auf ein Foto in seinem neuen Buch. „Damit Sie wissen, was der Ausgangspunkt für meine Arbeit ist“, sagt der 88-jährige Schauspieler, Schriftsteller und Weltenbummler. Auf dem Bild ist seine Heimatstadt Berlin im Jahr 1945 zu sehen. Krügers jetzt erschienener Band heißt „Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich“. Darin erinnert er sich an seine Jugend als überzeugter Nazi-Eliteschüler und an seine Wandlung durch den Ufa-Star Hans Söhnker (1903-1981, „Große Freiheit Nr. 7“). Im Interview mit Ulrike Cordes, dpa, zeigt sich Krüger sehr aufmerksam und um sorgfältige Antworten gelegen. Dazu funkeln wie je seine berühmten blauen Augen.

Herr Krüger, schon bei anderen Gelegenheiten hatten Sie sich über ihre NS-Erziehung und den positiven Einfluss der Schauspielers Söhnker auf Sie geäußert. Erzählen Sie nun zum ersten Mal Ihre ganze, sehr beeindruckende Jugendgeschichte?

In meinen Büchern „Wanderjahre“ und „Szenen eines Clowns“ hatte ich über diese Erfahrungen berichtet – aber in Form von literarischen Erzählungen. Als dann von meinen Journalistenfreunden Olaf Köhne und Peter Käfferlein die Anfrage zu diesem Erinnerungsband kam, wollte ich mir das Thema zunächst gar nicht mehr zumuten. Doch dann hatte ich den Gedanken, dass ich darin schriftlich darlegen könnte, was ich sonst Schülern in Gymnasien erzähle – eine Abfolge von mich prägenden schlimmen und guten Erlebnissen während und nach dem Krieg.

Sie schildern etwa Ihren Kriegseinsatz in SS-Uniform als 16-Jähriger und das Sterben blutjunger Kameraden. Wie schwer ist es Ihnen beim Schreiben gefallen, sich diese zum Teil unvorstellbar schrecklichen Dinge zu vergegenwärtigen?

Als ich „ja“ gesagt habe zu diesem Buch, habe ich diesen Aspekt tatsächlich nicht bedacht. Denn all das war ja so lange her und ich meinte, damit längst fertig geworden zu sein. Doch ich habe die ganze Zeit, während ich das Buch geschrieben habe, schlecht geschlafen. Es ist alles wieder zurückgekommen.

Gibt es etwas, was besonders heftig oder häufig wieder zurückkam?

Ich bin ja mit dem Tod aufgewachsen – was ich mir nicht ausgesucht habe. Das ist alles zurückgekommen. Zum Beispiel die Angst vor den Bomben auf Berlin, aber auch die Angst vor der Gestapo. Die war entstanden durch das, was ich von Söhnker über das Regime und seine eigenen Rettungsaktionen von Juden erfahren habe. Und die Angst, die wir hatten, als wir unter den Trümmern gelegen haben – darüber konnte ich nie richtig sprechen, nun aber schreiben.

Frage: Waren Sie von diesen Erinnerungen zuvor niemals heimgesucht worden?

Nein. Damit Sie mich nicht missverstehen: Nachdem ich den Krieg überlebt und gemerkt habe, wie wunderbar die Frauen sind, habe ich eine unglaubliche Freude am Leben entwickelt. Diese Lebenslust hat mich immer begleitet. Nun bin ich ein Glückskind gewesen – das meiste, was ich machen wollte, hat funktioniert. Das Fliegen und das Schreiben, ich durfte in sehr erfolgreichen Filmen mitwirken. Über Privates rede ich sonst nicht, aber vor 40 Jahren habe ich mich in eine Amerikanerin verliebt und bin seitdem jeden Tag mit ihr – Anita – zusammen.

Warum, meinen Sie, wurden Sie 1943 bei den Dreharbeiten zu „Junge Adler“ in Babelsberg von Söhnker als Zögling ausgewählt? Er hat Sie ja nicht nur über die Nazis aufgeklärt, sondern auch als Kurier eingesetzt, wenn sie Juden zur Flucht in die Schweiz verhalfen.

Das habe ich mich natürlich auch gefragt, denn er wusste, dass ich Adolf-Hitler-Schüler – AHS – war. Söhnker hat es auch nicht ganz ohne Eigennutz getan. Er brauchte mich in meiner AHS-Uniform als unverdächtigen Kurier bei seinem Hilfsprojekt. Das war ich aber nur dreimal. Zweimal fuhr ich per Bahn nach Konstanz, einmal nach Wien, um Kontaktpersonen per Codewort Neuankömmlinge in Gepäckwagen anzukündigen. Ich habe also keine große Arbeit geleistet.

Was wollen Sie in dem Buch Ihren Lesern vermitteln?

Eigentlich wollte ich mich zur Ruhe setzen. Doch dann hat es mich wütend gemacht, dass rechte Gruppierungen jetzt in Landesparlamenten sitzen. Das darf nicht sein. Die müssen rausgewählt werden. Denn die wollen ja unsere Demokratie abschaffen. Und das dürfen wir nicht zulassen. In meinem Buch steht alles drin, was ich von meinen Mitbürgern fordere. Vor allem von den 16-, 17-, 18-jährigen Schülern. Geht zur Wahl, sobald Ihr dazu aufgerufen seid. Schaut den Politikern auf die Finger. Wählt keine Partei, die unsere Demokratie abschaffen will. Denn dies ist Eure Zukunft. Euer Leben. Unser Land.

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