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Kultur

09. Dezember 2016 | 04:56 Uhr

Der unbekannte Künstler : Mies van der Rohe von der anderen Seite

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Der Architekt Mies van der Rohe ist mit seiner klaren Formsprache weltweit ein Begriff. Die Ausstellung im Aachener Ludwig Forum beleuchtet den Künstler. Der traute sich einiges.

Die Krawatte sitzt perfekt, ebenso die Manschette seines Hemds, die unter dem dunklen Sakko hervorblickt. Lässig sieht Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) auf dem Schwarz-Weiß-Foto in der Ausstellung des Aachener Ludwig Forums aus.

Die linke Hand in der Hosentasche, zeichnet er am Schreibtisch stehend mit der rechten scheinbar ganz locker an dem Haus Lange für den Krefelder Seidenfabrikanten Hermann Lange. Die Foto-Inszenierung ist so perfekt, dass man sich einen Moment lang wirklich fragt, ob der Architekt so locker zu Weltruhm kam.

Das Porträt ist Teil der Ausstellung «Mies van der Rohe - Die Collagen aus dem MoMa» (28.10.16 bis 12.02.17). Sie zeigt Mies von seiner unbekannten Seite: von der künstlerischen - wobei die Grenzen nicht immer eindeutig sind.

Etwa in den Anfängen: Sein 1922 gezeichnetes «gläsernes» Hochhaus auf einem Foto der Berliner Friedrichstraße hatte damals nichts mit der Realität zu tun. Man hätte es schlicht nicht bauen können, weil die Technik noch nicht so weit war. Mies' erste Ideen waren so visionär, so radikal, technisch so unmöglich, dass sie nicht umgesetzt wurden.

«Mies wurde in seinen frühen Jahren als Papierarchitekt bezeichnet», sagt der Direktor des Ludwig Forums und Kurator, Andreas Beitin. Eine Wettbewerbskommission soll die heute berühmte Skizze zur Friedrichstraße dann auch als utopischen Scherz beiseite gelegt haben.

In Aachen sind 50 Collagen, Fotomontagen und Zeichnungen des Architekten aus dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) zu sehen - und damit zum ersten Mal in diesem Umfang, wie das Ludwig Forum betont. Der Sohn aus einem Aachener Steinmetz-Betrieb war 1938 in die USA ausgewandert und hatte sein Archiv ein Jahr vor seinem Tod dem MoMa vermacht. Mies galt als Ästhet, Perfektionist, Minimalist, dachte in der Kategorie «Weniger ist mehr».

Der Architekt hatte eine enge Verbindung zur Kunstszene: «Mit allen Künstlern, die in den zwanziger Jahren zur Avantgarde gehörten, zur Speerspitze der bildenden Kunst», wie Beitin erklärt. Mit dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck sowie den Malern Hans Richter und Kurt Schwitters war er beispielsweise befreundet. «Da sind sicher Einflüsse gekommen, die er aufgenommen hat und die er für seine architektonischen Visualisierungen genutzt hat», sagt Beitin.

Fotomontagen seien damals in der Architektur schon durchaus üblich gewesen. Mies habe das perfektioniert und Einflüsse der Künstler aufgegriffen. «Es ging ihm weniger um einen Entwurf, nach dem er bauen konnte. Es ging eher um die Visualisierung einer Wohnidee, einer Lebensidee.» Berühmt wurde er für seine Gebäude aus Stahlbeton, für große Räume mit atemberaubenden Spannweiten, wie die Nationalgalerie Berlin - die als Collage in der Ausstellung ist.

Die großformatigen Collagen machte Mies weniger für seine Auftraggeber. Manchmal nahm er sich dabei eine künstlerische Freiheit heraus, die der Kurator Beitin als «frech» bezeichnet: Parallel zu seinen Entwurfszeichnungen für die Nationalgalerie Berlin entstand eine Collage, für die Mies ein Gemälde von Wassily Kandinsky aus einem Buch ausschnitt und und zur Hälfte in seine Collage reinklebte. Das Original ist etwa 3,50 Meter breit und etwa 1,50 Meter hoch. Andere Künstler trauten sich so etwas erst Jahrzehnte später.

Ausstellung Mies van der Rohe im Ludwig Forum

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erstellt am 24.Okt.2016 | 16:05 Uhr

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