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Kultur

05. Dezember 2016 | 19:36 Uhr

Hamlet im Uterus : McEwan erzählt aus der Tiefe des Mutterleibs

vom

Ein Mann, eine Frau, ihr Liebhaber und ein Mord. Dazu ein Kind, das alles miterlebt. Ein uraltes Drama. Doch Ian McEwan gestaltet den Stoff auf verblüffende Art neu. Eine spannende Meisterleistung.

Es genügt nicht, eine verrückte Idee zu haben. Man braucht auch den Mut, sie umzusetzen. Und dazu noch das erzählerische Können und die Stilsicherheit eines Ian McEwan. Sonst könnte bei einem Einfall wie diesem viel schiefgehen.

Der junge Hamlet als Fötus. Bruder- und Gattenmord, Gier und Gemeinheit, Sinnen auf Rache - alles erzählt aus der Uterusperspektive. Von einem scharfsinnigen Embryo, der eine ebenso ausgeprägte Ader für Ironie hat wie der Autor selbst. Ein ungeborenes Alter Ego sozusagen - und eine Meisterleistung.

Als McEwans «Nutshell» im September im englischen Original erschien, waren die Kritiken in Großbritannien und den USA überaus positiv. Die deutsche Ausgabe «Nussschale» in der erstklassigen Übersetzung von Bernhard Robben erschien jetzt im Zürcher Diogenes-Verlag. McEwan sei die Mischung des scheinbar Unvereinbaren gelungen, lobte die Pulitzer-Preisträgerin Michiko Kakutani in der «New York Times». Mit einem «magischen Trick» habe der Autor des Welterfolgs «Abbitte» aus der «Hamlet»-Tragödie und Amy Heckerlings Filmkomödie «Kuck mal, wer da spricht!» (mit dem Embryo und späteren Baby Mikey als Kommentator) einen «klugen, witzigen und äußerst fesselnden Roman» geschaffen.

Freilich reichen die Inspirationsquellen und Referenzen weit darüber hinaus - von John Keats' Gedichten über James Joyce' «Ulysses» bis zum beklagenswerten aktuellen Zustand der Welt. Dankbar nimmt der kluge Embryo alles an Hörbarem aus der Außenwelt auf. Von mehr oder weniger intelligenten Gesprächen - einschließlich der Detailplanung für einen kaltblütigen Giftmord - bis zu Radio- und Fernsehsendungen.

So kann McEwan elegant seiner Neigung nachgeben, Spuren dss realen Lebens mit Romanhandlungen zu verweben und ein paar politische Botschaften an den Leser loszuwerden: «Seit der russische Staat zum politischen Arm des organisierten Verbrechens wurde», hört der Embryo in einer Radio-Vorlesung, «ist Krieg in Europa nicht länger undenkbar.»

Das Mordopfer ist natürlich der Vater, der Erzeuger des Embryos. Trudy, die schöne werdende Mutter, kann den Ehemann einfach nicht mehr ertragen. Ein guter Kerl zwar. Zudem ein Schöngeist, Liebhaber von Gedichten. Aber beruflich, als Verleger, ein Versager. Genau wie im Bett. Ganz anders sein Bruder Claude, der Onkel des Embryos. Ein attraktiver Baulöwe, bauernschlau und völlig skrupellos.

Claude liebt den Luxus, jongliert mit Millionen. Er törnt Trudy an, die beiden treiben es ebensso heftig wie häufig. Was einem wachen Fötus natürlich nicht entgehen kann: «Nicht jedermann weiß, wie es ist, den Penis des Rivalen seines Vaters nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nase zu haben.»

Der Embryo-Hamlet darf zwar, dank Nabelschnur, Rauscherlebnisse mit der Wein liebenden Schwangeren teilen, vorzugsweise Sancerre. Aber seine Liebe zur schönen Mama, die er trotz des Mordkomplotts empfindet, wird nicht erwidert.

Im Gegenteil: Das unerwünschte Kind wollen Trudy und Claude gleich nach der Geburt weggeben, wie der Embryo erschrocken vernimmt. In irgendein trostloses Heim? Dann schon lieber die ersten Kinderjahre im Gefängnis verbringen, an Mutters Seite. Doch die Mörderin und ihr Galan bereiten die Flucht vor.

Furioses Finale, die Polizei im Anmarsch, das Auto für die Flucht wartet. Was kann schon ein klitzekleiner Fötus tun, um sie zu vereiteln, um den Mord zu rächen? Natürlich! Er kann die Fruchtblase platzen lassen, er kann einfach zur Welt kommen - und damit einem großartigen Erzähler die Möglichkeit zu etwas Einzigartigem zu geben: die Schilderung einer Geburt aus der Innensicht.

Wie ist McEwan nur auf diese Konstruktion gekommen? Klar, die «Nussschale» im zweitenn Akt von «Hamlet» hatte er parat: «O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.» Der eigentliche Anstoß sei ein Tagtraum während eines langweiligen Termins gewesen, berichtete McEwan in einem Interview des Magazins «Vanity Fair». Da sei ihm ein eigenartiger Satz in den Sinn gekommen: «So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.» Das wurde auch der erste Satz des Romans. Das Schreiben sei dann wie ein «Urlaub vom Realismus» seiner früheren Werke gewesen. Endlich habe er alle Naturgesetze ignorieren dürfen. «Ich konnte einfach Spaß haben.»

- Ian McEwan: Nussschale. Diogenes Verlag, Zürich, 208 Seiten, 18,99Euro, ISBN 978-3-257-60777-2.

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erstellt am 01.Nov.2016 | 13:33 Uhr

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