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Kultur

05. Dezember 2016 | 15:32 Uhr

Leute : John Sinclair: Der Horror aus der grünen Schreibmaschine

vom

Zum 2000. Mal schlägt sich Geisterjäger John Sinclair mit Zombiezügen und Alpenteufeln herum. Die Romanhefte mit einer geschätzten Gesamtauflage von 250 Millionen entstehen in einer denkbar ungruseligen Umgebung.

Helmut Rellergerd sucht John Sinclair. Genauer gesagt, er sucht ein Heft, auf dem der Geisterjäger abgebildet ist. Aber wenn ein Autor 2000 Romane über einen Helden geschrieben hat, kann das etwas dauern.

Die 2000 Heftromane stehen in Helmut Rellergerds Keller. Die Holzwände dort sind fast vollständig mit Bücherregalen vollgestellt, und in diesen Regalen stapeln sich die Romane. Nur ganz oben ist noch Platz für etwas anderes: Da steht ein kleiner künstlicher Weihnachtsbaum.

«Der Zombie-Zug», «Der Alpenteufel», «Der Killerzwerg»... Seit 43 Jahren schreibt Rellergerd unter dem Pseudonym Jason Dark. Mit gewaltigem Erfolg. Die Gesamtauflage der Marke John Sinclair liegt nach Angaben des Verlags Bastei-Lübbe bei 250 Millionen. Manchmal liest man auch 350 Millionen oder 400 Millionen. Genau weiß es wohl niemand. Helmut Rellergerd weiß es jedenfalls nicht, und es ist ihm auch egal, denn er wird nicht nach Auflage bezahlt, sondern bekommt ein Pauschalhonorar.

Am 8. November erscheint das 2000. Romanheft, und drei Tage vorher, am 5. November, wird dieser Anlass in Köln mit der ersten John-Sinclair-Convention gefeiert. Ideen für 2000 Romane - die muss man erstmal haben. Rellergerd wohnt in einem Einfamilienhaus in Refrath, einem Ortsteil von Bergisch Gladbach. Bergisch Gladbach ist schon sehr ruhig, aber Refrath ist praktisch ereignisfrei.

Das Haus der Rellergerds ist von außen unauffällig und von innen sehr hell. An den Wänden hängen Bilder in freundlichen Farben. Es ist nicht wirklich inspirierend für einen Erfinder von Gruselgeschichten. Aber Rellergerd fällt trotzdem immer etwas ein.

Seine Romane spielen in London, aber er selbst ist noch nie dort gewesen. Letztes Jahr stand er kurz davor, die Stadt zu besuchen. Zuerst wollte er zu Scotland Yard, dem Arbeitsplatz von John Sinclair, und dann zu dessen Stammitaliener. Aber als er dann mit seinem Kreuzfahrtschiff in Southampton ankam, hat er sich doch anders entschieden. «Ich hab' gedacht: 'ne Busfahrt nach London dauert drei Stunden. Rennt man da zwei Stunden durch die Stadt, muss man wieder zurück - nee.» Er muss ja auch nicht nach London, er hat zu Hause in seinem Arbeitszimmer unterm Dach alle Stadtpläne und Reiseführer, die er braucht. Die Ortsangaben bei ihm stimmen immer.

«Totentanz im Tanga-Club», «Totengrinsen», «Totensturm»... Noch immer wühlt sich der Autor durch sein Gesamtwerk. Überflüssig zu sagen, dass er nicht an Gespenster glaubt. Er hat's generell nicht mit Fantastereien, er ist ein bodenständiger Dortmunder, ein «kreativer Beamter», wie er selbst sagt. Halb sieben aus dem Bett, viertel vor acht an der Maschine, das war jahrzehntelang sein Alltag. 30 bis 35 Seiten hat er damals am Tag geschafft. Nach drei Tagen war der Roman fertig.

Heute hat er Co-Autoren, macht nicht mehr so viel, aber immer noch tippt er alles auf seiner uralten Schreibmaschine, Modell Olympia Monica. Sie ist in demselben Grün gehalten, in dem Mitte der 70er Jahre westdeutsche Badezimmer ausgestattet wurden. «Mit Computer komm' ich nicht zurecht, da rutschen mir die Finger ab», sagt er.

Jetzt endlich hat er ein Heft gefunden, auf dem John Sinclair drauf ist. Ziemlich klein, aber dafür noch recht jung. Sinclair ist auf ewig 35. Er dagegen ist jetzt 71. Seine Enkel sagen «Opa Jason» zu ihm.

Stichwort Enkel. Neulich wollte er mit denen den neuen «Ghostbusters»-Film angucken, aber die Frau am Eingang hat nicht geglaubt, dass sein einer Enkel schon zwölf ist. «Oma und Opa zählen nicht als Erwachsenenbegleitung - nur Eltern. Bin ich also nicht reingekommen. Und das passiert mir!» Sie sind dann stattdessen Hamburger essen gegangen. Das war auch gut. Rellergerd braucht keine Geister in seiner Freizeit.

John-Sinclair-Convention

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erstellt am 07.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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