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Kultur

03. Dezember 2016 | 22:53 Uhr

Kulturclash im Techno-Club : Integrationsbücher liegen im Trend

vom

Hoppla, wir sind ein Einwanderungsland. Und jetzt? Die Frage, wie ein harmonisches Zusammenleben von Alteingesessenen, Alt-Zuwanderern, Neu-Migranten und Flüchtlingen gelingen kann, beschäftigt in diesem Herbst Dutzende von Sachbuchautoren.

Über Jahrzehnte haben die Deutschen diskutiert, ob ihre Heimat nun ein Einwanderungsland werden soll oder nicht. Die Realität ist über diese Debatte hinweggegangen.

Das spiegelt sich auch auf dem Buchmarkt wider. Nach dem Megatrend Flüchtlinge von 2015 setzen die Verlage jetzt stark auf Integrationsbücher.

Unter den Titeln, die in diesen Tagen erscheinen, finden sich auch einige Streitschriften von Befürwortern und Gegnern der sogenannten Willkommenskultur. Die Mehrheit der Neuerscheinungen legt den Schwerpunkt jedoch auf Alltagserfahrungen. Flüchtlingshelfer, Journalisten und Menschen mit Migrationserfahrung beschreiben, wie sich Einheimische und Zuwanderer begegnen - jetzt wo die Fernsehkameras weg und die Willkommensschilder eingepackt sind.

Wir lernen daraus: 1. «Die Flüchtlinge» sind keine homogene Gruppe, die man in ein Eins-für-alle-Integrationskonzept pressen kann. 2. Es kann sehr lehrreich sein, die eigene Gesellschaft auch einmal mit den Augen von Neuankömmlingen zu sehen. 3. Klare Regeln müssen früh vermittelt und dann auch durchgesetzt werden, sonst wird Liberalität leicht mit Beliebigkeit verwechselt.

«Ohne klare Regeln geht es nicht», erklärt zum Beispiel die aus dem Iran stammende Autorin Emitis Pohl. In ihrem Buch «Deutschsein für Anfänger: Integration ist meine Pflicht» fordert sie, nicht nur darüber zu sprechen, «was die Deutschen noch mehr für die Integration tun müssen», sondern auch die Erwartungen an die Flüchtlinge deutlich zu formulieren. In ihrem Vorwort schreibt sie: «Und wenn die Deutschen nicht mehr genau wissen, was eigentlich so großartig ist an ihrem eigenen Land, dann braucht es jetzt vielleicht eine Perserin, die es ihnen erklärt.»

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sieht das anders. In ihrem Buch «Die Zerreißprobe» plädiert sie für eine andere Identität, ein «neues deutsches Wir». Als Gefahr für Frieden, Freiheit und Demokratie identifiziert die Religionspädagogin diejenigen, die eine Sehnsucht nach dem «Deutsch-Deutschen» antreibt. Das hat Kaddor, die als liberale Muslimin auch schon den Hass radikaler Salafisten erfahren hat, massive Drohungen aus dem rechten Spektrum eingebracht.

Einig sind sich Kaddor und Pohl in einem Punkt: Wenn die Integration gelingen soll, müssen wir mehr über Identität reden und weniger über den Islam. Dass die Religion nicht das Kriterium ist, das über Erfolg oder Misserfolg von Integration entscheidet, sehen auch viele Lehrer von Integrationskursen so. Entscheidend seien eher das Bildungsniveau und die Frage, ob jemand aus der Stadt komme oder vom Land.

Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien sind unter den Schülern aktuell die größte Gruppe. Sie gelten sowohl bei den Lehrern als auch bei den Helfern, die in den Flüchtlingsunterkünften arbeiten, als überdurchschnittlich höflich und lernwillig.

«Verzerrte Sichtweisen - Syrer bei uns», heißt ein Buch, in dem die ehemalige Syrien-Korrespondentin Kristin Helberg einlädt, einen neuen Blick auf Deutschland zu werfen, durch die Brille syrischer Flüchtlinge. «Ich habe dieses Buch geschrieben, weil mir im Sommer 2015 auffiel, dass ich immer häufiger nicht nur zum Syrien-Konflikt gefragt wurde, sondern jetzt auch erklären sollte, wie die Syrer so ticken.» Helberg, die lange in Damaskus gelebt hat, beschreibt, warum es Syrer merkwürdig finden, dass Jugendliche bei uns Alkohol trinken und Sex haben dürfen, aber nicht rauchen. Wenn Linksliberale frisch angekommene Geflüchtete aus Afghanistan, Eritrea, Syrien und dem Irak in einen Techno-Club mit spärlich bekleideten Tänzerinnen einladen, ist das für sie ein Beispiel von «gut gemeinter, aber naiver Willkommenskultur».

Natürlich wird auch der vielzitierte «Wir-schaffen-das»-Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in vielen neuen Titeln aufgegriffen. Meist ist er verbunden mit einem «Nein» oder einem «Ja, aber».

Und was kommt nächstes Jahr? Der Verlag Droemer Knaur will im Frühjahr ein Buch mit dem Titel «Kaltland» auf den Markt bringen, in dem die Journalistin Jasna Zajcek die spärlichen und oft eher unfreundlichen Begegnungen von Flüchtlingen und Einheimischen in einer sächsischen Kleinstadt beschreibt. Wo eine Polizei die Bürger auffordert, alles zu melden, «was komisch oder verdächtig scheint, auch Asylanten-Ansammlungen».

Einiges deutet schon darauf hin, dass selbstverfasste Erlebnisberichte von in Deutschland lebenden Flüchtlingen der nächste große Hype sein werden. Auch deshalb, weil einige von ihnen demnächst gut genug Deutsch sprechen, um in den Talkshows zu sitzen. Dort, wo sie bislang nur indirekt präsent sind, als Diskussionsobjekte.

Einen ersten Aufschlag gibt es schon. Er stammt von dem syrischen Flüchtling Firas Alshater. Er präsentiert schon auf seinem YouTube-Kanal «Zukar» Satirisches von der Integrationsfront. Der Titel seines Erstlings: «Ich komm auf Deutschland zu: Ein Syrer über seine neue Heimat.»

Website von Lamya Kaddor

Kristin Helberg

Firas Alshater bei Youtube

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erstellt am 14.Okt.2016 | 11:01 Uhr

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