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Kultur

07. Dezember 2016 | 21:19 Uhr

Herz der Finsternis : In den Fängen der Colonia Dignidad

vom

In ihrem bewegenden Roman «Rabenfrauen» zeigt Anja Jonuleit, wie eine berüchtigte Terrorsekte das Leben einer jungen Frau zerstört.

Nach außen kultivierte die Colonia Dignidad ein blitzsauberes Image. Die deutsche Siedlung im Süden Chiles galt als Musterbeispiel teutonischer Ordnung und Emsigkeit, gemanagt von religiös beseelten Menschen.

Doch die Wahrheit sah ganz anders aus. Tatsächlich war die Colonia Dignidad eine totalitäre Sekte, beherrscht von ihrem pädophilen Anführer Paul Schäfer, der sich seine Anhänger durch Psychoterror, Folter und Vergewaltigung untertan machte.

Das angebliche Idyll war de facto eine Art schwer bewachtes Arbeitslager. Dass das jahrzehntelang so funktionierte, lag an den mächtigen Beschützern der Sekte in Staat und Gesellschaft. Auch die deutsche Politik sah viel zu lange über das kriminelle Treiben hinweg. Jetzt endlich gibt das Auswärtige Amt die Akten zu diesem finsteren Kapitel frei. Wen die Geschichte der Sekte und ihres totalitären Miniatur-Staates interessiert, dem bietet Anja Jonuleits Roman «Rabenfrauen» eine äußerst spannende Lektüre.

Anhand fiktiver Figuren, doch immer ganz nah an den tatsächlichen historischen Begebenheiten, erzählt Jonuleit von religiösem Fanatismus, seelischer Abhängigkeit und skrupellosen Ausbeutungsmethoden, mit denen Menschen ihres eigenen Willens beraubt und versklavt werden. Der Roman, dessen Schwerpunkt in der Anfangszeit der Sekte in Deutschland liegt, zeichnet vor allem den schleichenden Weg in Entmündigung und Entrechtung nach.

Im brütendheißen Sommer des Jahres 1959 begegnen die Freundinnen Christa und Ruth in einer Jugendfreizeit einer Gruppe freikirchlicher Christen. Die beiden Mädchen fühlen sich von demselben jungen Mann angezogen. Bald folgt Christa Erich in seine religiöse Gemeinschaft. Dort führt der einäugige charismatische Prediger Paul Schäfer ein autoritäres Regiment. Mehr und mehr gerät Christa in den Bann der bizarren Sekte und entfremdet sich damit ihrer Freundin Ruth und ihrer eigenen Familie, bis die junge Frau eines Tages Hals über Kopf mit den anderen Sektenmitgliedern nach Chile entschwindet.

Alle Versuche Ruths, Kontakt mit der Freundin aufzunehmen, laufen ins Leere, ihre Briefe bleiben unbeantwortet. Erst Jahrzehnte später kommt Bewegung in die Geschichte: Ruths Tochter Anne trifft durch Zufall ehemalige Sektenmitglieder und erfährt die ganze Wahrheit über die Colonia Dignidad. Doch sie spürt, dass ihre Mutter ihr das Wesentliche verschweigt.

Jonuleit erzählt aus drei Perspektiven und auf verschiedenen Zeitebenen: Anne bringt durch ihre Recherchen im Jahr 2010 die Geschichte ins Rollen. Die Freundinnen Ruth und Christa erzählen jeweils aus ihrer Sicht von der Begegnung mit der Sekte und dem Zerbrechen ihrer Freundschaft. Besonders erschütternd und schwer erträglich, aber auch ausgesprochen authentisch wirken die Erzählungen Christas aus dem Herz der Finsternis.

Hier ist der Autorin eine starke Figur gelungen, an der sie sehr eindrücklich die Entwicklung eines naiven Mädchens schildert, das durch jugendliche Schwärmerei und Gutgläubigkeit in die Fänge einer Sekte gerät, der sie sich nicht mehr zu entziehen vermag. Paul Schäfers grausames Herrschaftssystem beraubt sie erst der Freiheit, dann der Lebensfreude und schließlich ihrer menschlichen Individualität.

Wegen der überzeugenden Charaktere und der gekonnt aufgebauten, spannenden Handlung verzeiht man der Autorin auch den etwas klischeehaften Einstieg mit der Liebesgeschichte. Alles in allem ein bewegendes Buch, das in menschliche Abgründe führt und das man nicht so leicht vergisst. Die alte Colonia Dignidad existiert heute Gott sei Dank nicht mehr. Doch so ganz ist die gruselige Geschichte doch noch nicht vorbei: Denn genau dort, wo früher Menschen gefoltert und erniedrigt wurden, wirbt heute eine «Villa Baviera» ganz unschuldig für deutsche Gemütlichkeit und ein heiteres bayerisches Oktoberfest.

- Anja Jonuleit: Rabenfrauen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 400 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-26104-3.

Rabenfrauen

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erstellt am 01.Nov.2016 | 12:55 Uhr

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