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Kultur

09. Dezember 2016 | 10:46 Uhr

Literaturnobelpreis : Höchste Literatur-Ehre für Dylan: Quo vadis, Nobelpreis?

vom

Der Literaturnobelpreis an den Rockpoeten Bob Dylan hat Stirnrunzeln und Jubelstürme ausgelöst. Aber egal, wie uneins sich die Welt ist - eins fragen sich alle: Was ist mit dem altehrwürdigen Preis los?

Als «Schnapsidee» hat ein Insider der schwedischen Literaturszene es einmal abgetan, dass Bob Dylan jemals den Nobelpreis bekommt.

Dass die traditionsreiche Jury aus Jüngern der Hochliteratur einen Songschreiber zu ihrem Preisträger macht, war selbst für viele, die nah dran sind, undenkbar. Jetzt ist genau das passiert. Und während die einen nach der Verkündung am Donnerstag in Begeisterungsstürme darüber ausgebrochen sind, dass die Schwedische Akademie endlich von ihrem hohen Ross heruntergestiegen ist, fragen sich viele andere: Quo vadis, Nobelpreis?

Bei Buchhändlern und Verlegern literarischer Schmuckstücke, die insgeheim auf einen ihrer Schützlinge als Preisträger gehofft haben, dürfte Katerstimmung herrschen. Der «Gag» der Akademie ist nicht gut fürs Geschäft. Höchstens Biografien über Dylan lassen sich jetzt besser verkaufen. Auf den Werken ihrer angesehenen Autoren bleiben sie aber sitzen.

Was ist los mit der Nobelpreisjury? Will sie sich mit einer Aufsehen erregenden Wahl alle paar Jahre nur interessant machen oder gar anbiedern, wie es ihr manche jetzt vorwerfen? Oder geht das oft als arrogant verschriene exklusive Trüppchen plötzlich mit der Zeit und öffnet sich dem Geschmack des Mainstreams?

Ob Gao Xingjian oder Nagib Mahfus - so manches Mal musste der Durchschnittsleser den Preisträger in der Vergangenheit jedenfalls erst einmal nachschlagen, um herauszufinden, um wen es sich handelt. Dylan dagegen wird von Millionen Menschen weltweit verehrt. Wer ihn nicht als Lyriker sieht, sieht ihn mindestens als begnadeten Songschreiber, der die Musikwelt seit Jahrzehnten beeinflusst, bewegt und verändert. «Ist mal an der Zeit, die Literatur aus ihrem Elfenbeinturm zu schmeißen», twittert der deutsche Journalist Christoph Ohrem.

«The Times They Are A-Changin'» - was ein Dylan-Klassiker voraussagt, gilt sicher auch für die Schwedische Akademie. Mit Sara Danius hat die altehrwürdige Institution seit dem vergangenen Jahr eine neue Chefin. Zwar gehen Beobachter nicht davon aus, dass die Ästhetik-Professorin, die sich für Kochen und Keramik interessiert und in einem Stockholmer Casino als Croupière gearbeitet hat, dem Preis eine neue Weltlichkeit einhauchen will. Trotzdem scheint sie eines ernstzunehmen, das sie zu ihrem Amtsantritt gebetsmühlenartig wiederholt hat: dass ein Nobelpreisträger die Literatur erneuert haben muss.

Schon der erste Preis mit Danius als Chefin - an die weißrussische Journalistin Swetlana Alexijewitsch - würdigte Literatur auf andere Weise als sonst, «weil er für dokumentarische Arbeiten vergeben wurde», sagt der schwedische Verleger Stephen Farran-Lee. «In den nächsten Jahren werden wir sehen, ob das eine dauerhafte Veränderung in der Denkweise der Akademie ist. Ich vermute es aber nicht.»

Andere beschwören nach der «lustigen» Auszeichnung schon den Untergang des Nobelpreis-Renommees: «Ich gehe davon aus, dass Beyoncé jetzt in die Liste aufgenommen wird, weil sie sich in derselben Klasse bewegt - gib ihr noch 20 Jahre», spöttelt die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Ebba Witt-Brattström, Ex-Frau von Nobeljuror Horace Engdahl.

Doch bedeutet die Zuerkennung an Dylan wirklich eine «Trumpifizierung des Nobelpreises», wie der Kritiker Per Svensson in der Zeitung «Sydsvenskan» schreibt? Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass die Jury im nächsten Jahr wieder einen klassischen Vertreter der Literatur kürt, wie sie es 2014 mit dem Franzosen Patrick Modiano getan hat.

Dass es in Zukunft mehr unkonventionelle Preise geben wird, ist trotzdem nicht undenkbar. Denn mit ihrer Wahl hat sich die Jury gar nicht so sehr verbogen, wie es auf den ersten Blick scheint. Immerhin hat sie vor Dylan schon 33 Lyriker ausgezeichnet. Sie zeigt nur, dass sich der Literaturbegriff weiter interpretieren lässt, als sie es bisher getan hat - und dass der Preis nicht mehr zwingend nur für das vergeben werden muss, was fein säuberlich in Buchform in den Regalen steht.

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erstellt am 14.Okt.2016 | 13:41 Uhr

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