zur Navigation springen

Kultur

10. Dezember 2016 | 23:22 Uhr

Literatur : «Golden Boy»: Warum Cricket in Indien Millionäre macht

vom

Cricket ist in Indien so beliebt wie Bollywood-Kino. Gute Spieler sind Popstars. In den Slums träumen viele davon, es so weit zu bringen. Aravand Adiga widmet ihnen seinen neuen Roman.

Aravind Adiga ist längst der wichtigste indische Autor der Gegenwart. In seinem neuen Roman «Golden Boy» bleibt er seinen bisherigen Themen treu.

Er erzählt von Indiens dunklen Seiten: von Armut und sozialer Ungleichheit, von Homophobie und religiösem Hass, von den riesigen Unterschieden zwischen denen, die Erfolg haben und anderen, die im Slum groß werden. Anand Mehta aus Mumbai gehört zu den Erfolgreichen, Mohan Kumar zu denen, die nur davon träumen.

Kumar setzt seine ganze Hoffnung auf seine beiden Söhne Radha Krishna und Manjunath, genannt Manju. Die beiden gelten als begabte Cricketspieler, als Ausnahmetalente, als zwei, die es bis ganz nach oben schaffen könnten.

Cricket, das ist in Indien mehr noch als Fußball in Deutschland ein Sport, der die Massen begeistert, in dem Millionen bewegt und erfolgreiche Spieler als Stars verehrt werden. Wer aus dem Slum kommt und beim Cricket zeigt, dass er es drauf hat, hat plötzlich doch eine Chance.

Anand Mehta schließt einen Vertrag mit Mohan Kumar. Er garantiert darin, die sportliche Karriere von Radha und Manju zu fördern und bekommt dafür von ihrem Vater ein Drittel aller künftigen Einnahmen seiner beiden Söhne zugesprochen. «Wenn einer von beiden diesen Vertrag bricht, dann möge Gott unseren Mund mit Würmern füllen», lautet der pathetische Schlusssatz der Vereinbarung.

Mohan Kumar zieht mit seinen Söhnen um. «Kann das wirklich unser neues Zuhause sein?», fragt sich Manju, als er in der neuen Wohnung die Wände abtastet. Ein Zuhause mit funktionierender Klimaanlage, einem großen Eisschrank und einem eigenen Schrank nur für Cricketkleidung, Nahrungsergänzungsmitteln und Antibiotika. Das alles klingt verheißungsvoll. Für die Kumars geht es aufwärts.

Aber Aravind Adiga (42) erzählt üblicherweise keine Geschichten von Glück und Erfolg, von Aufstieg und Triumph. Seine Romane sind illusionslos und ernüchternd. In seinem großartigen Debüt «Der Weiße Tiger» (2008), für den der in Mumbai lebende Schriftsteller den Booker-Preis bekommen hat, steht Balram Halwai im Mittelpunkt, ebenfalls ein Ausnahmekind, das es schaffen könnte, die Welt der Armen und Hoffnungslosen hinter sich zu lassen. Aber Halwai muss lernen, wie korrupt, ungerecht und brutal es in der indischen Gesellschaft zugeht.

Ähnlich sind die Erfahrungen, die Radha und Manju in «Golden Boy» machen. Die Hoffnung, gefeierte Cricketstars zu werden, erfüllt sich nicht. Mit ihrem vom Ehrgeiz besessenen Vater zerstreiten sie sich, Radha hasst ihn geradezu.

Manju lernt Javed Ansari kennen, einen jungen, faszinierenden Cricketspieler, der einerseits ein Konkurrent zu sein scheint, zu dem er sich andererseits immer stärker hingezogen fühlt, obwohl der als «Homo» gilt. Schwul sein ist in Indiens Gesellschaft ein Tabu, unter Cricketspielern umso mehr. Und so traut sich Manju auch nicht, sich über seine Gefühle und seine sexuelle Identität klar zu werden und bricht den Kontakt zu ihm ab.

«Golden Boy» hat genauso wenig ein Happy End wie «Der weiße Tiger». Adiga erzählt in seinem neuen Roman so ungeschönt von Mumbais und Indiens Gegenwart wie in seinem ersten. So eindrucksvoll und temporeich wie bei seinem Debüt gelingt ihm das allerdings nicht.

- Aravind Adiga: Golden Boy. C.H. Beck Verlag, München, 335 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-3-406-69803-3.

C.H. Beck Verlag zum Buch

C.H. Beck Verlag zu Aravind Adiga

zur Startseite

von
erstellt am 22.Nov.2016 | 14:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen