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Kultur

24. Mai 2016 | 07:59 Uhr

Theater : Geheimnisse eines Krieges - Wieler macht wieder Schauspiel

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Der Versuchung mochte der zurückhaltende Jossi Wieler, international gefeiert für seine Operninszenierungen, dann doch nicht widerstehen. Zum ersten Mal nach sechs Jahren Abstinenz kehrt er zu seinen Wurzeln zurück - ins Schauspiel.

Vorgenommen hat sich der 64-Jährige ein Melodram, eine schwierige Beziehungskiste aus der Nachkriegszeit. Das Stück mit dem sperrigen Titel «I'm searching for I.N.R.I.» dreht sich um die verletzten Biografien des Journalisten und Nazi-Jägers Maibom und der rätselhaften Rieke, die den Nazis unter anderem im Auswärtigen Dienst die Treue hielt.

Es mag wohl vor allem an der famosen Fritzi Haberlandt (Rieke) und dem markanten Luxemburger André Jung (Maibom) liegen, dass der zweistündige Abend mit viel Text und wenig Action am Ende doch imponieren kann. Vor den Zuschauern im Kammertheater Stuttgart liegt ein weißes Trümmerfeld - Symbol für die in den 50er Jahren der Nachkriegszeit angesiedelte Handlung. Die Ruinen am Boden, auf die immer wieder auch Hausfassaden projiziert werden, geben einen Vorgeschmack darauf, dass auch die Beziehung der Protagonisten wenig später schon in Trümmern liegt.

«Das Herz - ein rasender Gast in einer Bretterbude, die jeden Moment einzustürzen drohte», sagt Maibom über seine Gefühle für Rieke. Der kämpferische Mann mit dem Holzbein und die zierliche Rieke leben seit sieben Jahren zusammen, ohne über die dunkle deutsche Vergangenheit zu sprechen. Als er von einer Auslandsreise zurückkommt, ist sie weg, die Wohnung in Berlin-West verwüstet. Entführt? Waren es die Russen? Oder die Leute von DDR-Staatschef Walter Ulbricht?

Es beginnt eine schwierige Suche nach Rieke, die nicht nur eine Identität hat, nach dem Kern ihrer Liebe und auch nach dem, was Menschen zusammenhält. Auf der mit einer Videowand hinter dem Trümmerfeld minimalistisch gehaltenen Bühne von Anja Rabes geht es nicht zuletzt um die großen Themen wie Hass, Schuld und um die Kraft der Wahrheit.

«Es gibt nicht mehr die objektive Wahrheit, vielleicht hat es sie noch nie gegeben/ Es gibt nur die Wahrheit der Sieger und die der Verlierer/ Es sind immer zwei Wahrheiten, die diametral entgegengesetzt sind und doch beide unabhängig voneinander absolut Recht haben/ aber immer, immer, immer/ bleibt die Wahrheit der Sieger die stärkere/ so lange sie die Sieger sind/», sagt Maibom.

Mit hoher Sensibilität und eindringlicher Tiefe bringt Wieler den poesiereichen Text szenisch zum Klingen. In dieser «Kriegsfuge» setzen sich die Spuren der Geschichte fort über einen langen Zeitraum von 1941 bis 1989. Sie klingen nach, wiederholen sich, werden weitergegeben. «Das Stück ist eher ein Vexierbild der Geschichte, das sich nicht zu einem Ganzen zusammenfügen lässt», sagt Wieler selbst über die Vorlage.

Der Text stammt von seinem Intendantenkollegen Armin Petras, der das Schauspiel Stuttgart führt und unter dem Pseudonym Fritz Kater schreibt. Das Premierenpublikum - die meisten Gäste weit über 50 - nahm das Comeback des Theaterregisseurs Wieler am Freitagabend freundlich auf. 2018 beendet er sein Engagement als Opernintendant und will danach wieder als freier Theatermacher arbeiten. «Meine Neugier treibt mich dann wieder an andere Orte», sagte er vor der Premiere.

Uraufführung

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erstellt am 12.Mär.2016 | 13:02 Uhr

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