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Kultur

07. Dezember 2016 | 23:15 Uhr

Der verklärte Kaiser : Franz Joseph I. als Symbol einer Epoche

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Erst unsicher und gnadenlos, später gütig und redlich, zuletzt ein einsamer Medienstar. Franz Joseph I. war der letzte große Monarch. Und er ist ein Beispiel dafür, dass «alte Schule» allein ein Reich nicht retten kann. Vor 100 Jahren starb er.

Noch im Sterben ärgerte sich Franz Joseph I., dass er sein Arbeitspensum nicht geschafft hatte. Wie üblich in aller Frühe, das hieß gegen 4 Uhr morgens, wollte der fiebrig-kranke Monarch wieder geweckt werden. Kurz nach den Anweisungen an seinen Kammerdiener war der 86-Jährige tot.

Im Schloss Schönbrunn, in Wien, in ganz Österreich-Ungarn machte sich vor 100 Jahren (21.11.) das Gefühl breit, dass damit auch das Ende einer Epoche gekommen war.

Der im Rückblick verklärte, von seinen Zeitgenossen geachtete Kaiser hatte das Habsburger-Reich 68 Jahre regiert. Sein Leben und Handeln drehte sich um zwei Werte: Pflicht und Ehre. Der «letzte Monarch der alten Schule», wie er sich selber nannte, ist ein frappantes Beispiel, dass diese Werte in den Untergang führen können. Die «Ehre» spielte eine zentrale Rolle bei der Unterschrift des Kaisers unter die Kriegserklärung an Serbien 1914 - sie markiert den Beginn des Ersten Weltkriegs, der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Wer war dieser Kaiser, der einen Vielvölkerstaat von 50 Millionen Untertanen in einer Zeit des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs regierte? Das Leben und die Zeit in zehn Stichpunkten:

ERZIEHUNG: Franz Joseph war ein fröhliches Kind mit viel Talent fürs Zeichnen. Aber der überaus strenge Lehrplan forderte anderes: Der künftige Monarch musste unter anderem Französisch, Tschechisch, Ungarisch, Italienisch und Polnisch lernen, viel turnen, schwimmen, reiten und fechten sowie sich militärisch bilden. Liebe zu Büchern entwickelte er dabei keine. Die Strenge des Lernens hinterließ zeitlebens Spuren: Wenig fantasievolles Abarbeiten des Tagessolls war später des Kaisers höchste Pflicht als erster Beamter des Staates.

HERRSCHAFT: In der Revolution von 1848 kam Franz Joseph als 18-Jähriger an die Macht, als sein Onkel Ferdinand unter dem Druck der Straße abdankte. 1849 schlug er den Aufstand der Ungarn blutig nieder. Generell agierte Franz Joseph in den Anfangsjahren unsicher und gnadenlos. Sein schlechter Ruf änderte sich erst nach dem misslungenen Attentat eines Ungarns auf ihn 1853. Ein Jahr später sonnte sich der Kaiser dank der Hochzeit mit der damals 16-jährigen bayerischen Herzogin Elisabeth (genannt Sisi; im Film später auch «Sissi») in neuer Popularität. Er wollte künftig vor allem gerecht über seine elf Völker herrschen. Die Ungarn bekamen mit der Gründung der Doppelmonarchie 1867 jedoch eine Sonderstellung, die andere bald auch anstrebten.

SIEGE UND NIEDERLAGEN: Es hagelte im Leben des Kaisers, der das Militär sehr schätzte und außer auf der Jagd fast immer Uniform trug, beinahe nur Niederlagen. 1859 gingen in den Schlachten von Magenta und Solferino große Teile Oberitaliens verloren. 1866 unterlag Österreich den Preußen bei Königgrätz. Den Untergang seines Reiches durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 erlebte er nicht mehr.

FRAUEN: Sisi war seine große Liebe. Aber ihre Unrast und ihr moderner Hang zur Selbstverwirklichung entfremdeten beide. Dem erzkatholischen Kaiser war seinerseits Treue fremd. Wie viele Geliebte der Kaiser wirklich hatte, ist unklar. Die Beziehung zu zwei Frauen ist dank Briefen und Tagebüchern aber gut dokumentiert. Anna Nahowski lernte der Kaiser 1875 im damals schon für die Öffentlichkeit begehbaren Schlosspark Schönbrunn kennen. Die Affäre der verheirateten Frau mit Franz Joseph dauerte rund 15 Jahre. Bekannter ist die Beziehung zur Burgschauspielerin Katharina Schratt. Diese Affäre wurde von Sisi, die eher als prüde gelten konnte, selbst eingefädelt. Die Geliebten wurden reich beschenkt.

MEDIENSTAR: Franz Joseph wurde so oft porträtiert und fotografiert, wie kein anderer Zeitgenosse. Das Bild des gütig wirkenden alten Herrn mit dem weißen Backenbart war eine gemeinsame Klammer im Vielvölkerreich der Habsburger. Von ihm existieren rund 10 000 Fotos und andere Lebensdokumente. Er selbst fühlte sich zuletzt einsam.

ALLTAG: Franz Joseph war ein Morgenmensch - um das Mindeste zu sagen. Zwischen 3 und 4 Uhr wurde aufgestanden. Leibdiener wuschen und rasierten den Monarchen. Den Rest des Tages bestimmten Termine und Akten das Leben des Kaisers. Zigtausende Untertanen empfing Franz Joseph zu kurzen Audienzen in Schönbrunn. Die wahren Sorgen und Nöte des Volkes lernte er dabei aber nicht kennen.

LEBENSSTIL: Der Kaiser selbst lebte einfach. Der Hof mit seinen mehreren hundert Angestellten war aber ein teures Unterfangen. Für die Repräsentation wurden keine Kosten gescheut. Im Fuhrpark standen 500 bis 600 Kutschen. Des Kaisers liebstes Hobby war die Jagd. Rund 55 000 Stück Wild sind auf den Abschusslisten erfasst. Wild war aber nicht seine Lieblingskost. Legendär - und bis heute in der Gastronomie umsatzfördernd - wurde seine Vorliebe für Tafelspitz. Mit der Moderne konnte der Monarch wenig anfangen. Telefon und Auto gegenüber war er skeptisch, trotzdem besaß der Hof schließlich 24 Wagen, unter anderem der Marken Mercedes, Fiat, Ford und Daimler.

SCHICKSALSSCHLÄGE: Das erste Kind, Sophie Friederike, starb im Mai 1857 im Alter von zwei Jahren auf einer Reise mit seiner Mutter in Ungarn. Im Juni 1867 endete das Leben von Franz Josephs Bruder Maximilian. Der damalige Kaiser von Mexiko wurde hingerichtet. Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn von Franz Joseph, erschoss sich und eine Geliebte im Januar 1889. Im September 1898 wurde Kaiserin Elisabeth beim Spaziergang am Genfer See von einem Anarchisten erstochen. Im Juli 1914 starb sein Neffe Franz Ferdinand beim Attentat von Sarajevo.

ZEITENWECHSEL: Die Niederlage im Ersten Weltkrieg machte aus Österreich-Ungarn, dem zweitgrößten Land Europas, eine kaum überlebensfähige Mini-Republik. 85 Prozent seiner Fläche und seiner Bevölkerung gehörten nun zu anderen, neuen Nationalstaaten. Aus Angst vor Hunger und Arbeitslosigkeit sprach sich die Republik Deutschösterreich 1918 für den Anschluss an das Deutsche Reich aus. Der Friedensvertrag von Versailles untersagte 1919 diesen Schritt. Die Nazis prägten bald das Schlagwort «Heim ins Reich» für die Pläne, Österreich (und das Sudetenland) doch noch zu vereinnahmen. Das geschah 1938.

VERMÄCHTNIS: Die Bauten, die Schlösser, die Ringstraße. Gerade die Ringstraße, ein architektonisch durchaus genialer Wurf, prägt heute noch Wien. Das Erbe der Habsburger wird höchst erfolgreich vermarktet. Ihre Schlösser sind touristische Anziehungspunkte. Allein das einst von Maria Theresia zur Sommerresidenz ausgebaute Schloss Schönbrunn lockt jährlich mehr als drei Millionen Besucher an.

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erstellt am 21.Nov.2016 | 00:01 Uhr

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