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Kultur

08. Dezember 2016 | 07:01 Uhr

Countertenor aus Argentinien : Franco Fagiolis Rückkehr: Es muss nicht immer Barock sein

vom

Wer vom neuen Album eines Countertenors unweigerlich eine weitere Barock-Entdeckung erwartet, sieht nicht die Möglichkeiten dieser Stimmgattung. Franco Fagioli weiß, was er Stimme und Technik zumuten kann - den rossinischen Teilchenbeschleuniger.

Manchmal sind die entscheidenden Worte längst gesagt: «Seine Stimme hat ein fast jenseitiges Timbre - vielleicht bringt es uns die überirdische Klangschönheit, die den Kastraten zugesprochen wird.»

Was für eine Lobeshymne, allerdings beschreibt der englische Kritiker Rodney Milnes keineswegs die Stimme des argentinischen Countertenors Franco Fagioli, auch wenn man sie Wort für Wort unterschreiben möchte. Nein, es geht um den deutschen Altus Jochen Kowalski, der vorgemacht hat, was ein Countertenor abseits seines Fachs in der Operette und sogar im Liedgesang erreichen kann.

Der 35 Jahre alte Fagioli geht nun ebenfalls neue Wege und erarbeitet sich das Belcanto-Repertoire - oder jedenfalls einige sogenannte Hosenrollen Rossinis, also Rollen eines Mannes, geschrieben für eine Frau, und jetzt wieder gesungen von einem Mann. In seinem Fall eher eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Den Vergleich mit Cecilia Bartoli der Ähnlichkeiten des Timbres wegen ist der Argentinier leid - und vermutlich weiß er ohnehin, dass er mit seinem neuen Album «Rossini» einen ganz anderen Vergleich herausfordert: jenen mit der größten Rossini-Virtuosin des vergangenen Jahrhunderts, der Amerikanerin Marilyn Horne. Wie sie wagt auch er sich an sogenannte Alternativ-Arien, also Revisionen oder Neufassungen einzelner Abschnitte einer Oper. Rossini war in dieser Hinsicht besonders fleißig - und auch die Überarbeitungen sind vollgültige Werke, die dem inneren Zusammenhang der jeweiligen Oper oder den Bedürfnissen seiner Sänger entsprechen.

Wie in der Kavatine «O sospirato lido» aus seiner ersten großen Erfolgs-Oper «Tancredi» von 1813, die das zunächst vorgesehene und heute längst wieder eingeführte zaubrische «Di tanti palpiti» ersetzte. Mühelos findet der vermeintliche Barock-Experte Fagioli den Tonfall für die Belcanto-Partie Rossinis, klingt deutlich «opernhafter» als viele seiner Kollegen, dabei aber immer beherrscht.

Er entfacht ein Koloratur-Feuerwerk sondergleichen: Rossini als eine Art Teilchenbeschleuniger. Das einzige, was ihn von der großen Amerikanerin Horne noch trennt, ist nicht die Qualität der Stimme oder die Sicherheit der unendlich schnellen Läufe und Koloraturen, sondern die unbezwingbare Ausstrahlung und Kraft des virtuosen Klangstroms der Amerikanerin - deren Ziernoten gewinnen gewissermaßen ein Eigenleben und blühen auf.

Was macht die Art des Singens Fagiolis besonders? Die Stimme ist weich und rund, es gibt keine angespannten oder gar heulenden Töne in der Höhe oder Wechsel zur Männerstimme in der tiefen Lage. Die Stimme ist einfach auf sinnliche Weise schön und reich an Farben. Kein Wunder also, dass er Belcanto-Musik ins Repertoire nimmt.

Traditionell allerdings werden Countertenöre in der Alten Musik, in Opern und Oratorien des Barock eingesetzt. Fagiolis Werdegang ist in dieser Hinsicht ungewöhnlich: Seine erste Lehrerin hatte noch nie einen Countertenor unterrichtet - Argentinien ist eben doch weit weg von den Alte-Musik-Traditionen Europas. Später ging er nach Buenos Aires, wo er an der Opern-Akademie des Teatro Colon studierte. Wie kam er also zu seiner Stimme? In einem Interview erklärte er einmal: «Es ist Naturstimme plus Technik. Ich habe eine Stimme, aber ich musste hart arbeiten, um sie zu entwickeln und das ganze Register zu beherrschen. Ich habe das mit der italienischen Technik gelernt, der Belcanto-Technik.» Kein Wunder also, dass ihm Rossini hörbar liegt.

Ganz besonders in der Hosenrolle des Arsace in Rossinis «Semiramide», einst eine der großen Partien Hornes. Fast widersinnig scheint es auf den ersten Blick, eine Hosenrolle von einem Mann singen zu lassen - aber so ist die Oper. Das Experiment geht auf, hat all den Drive, den die älteren Opernfreunde an Horne bewundert haben. Nur das Orchester, die Armonia Atenea unter der Leitung von George Petrou, geht die Sache etwas akademisch an und klingt nicht immer sehr inspiriert. Aber dennoch: ein hinreißender Sänger.

Franco Fagioli

Franco Fagioli bei der Deutschen Grammophon

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erstellt am 29.Sep.2016 | 14:00 Uhr

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