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Kultur

10. Dezember 2016 | 13:45 Uhr

Leben eines großen Kritkers : Erste umfassende Biografie Alfred Kerrs

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Schon vor dem Fernsehzeitalter und dem «Literarischen Quartett» gab es in Deutschland Kritikerstars. Dazu gehörte vor dem Krieg zweifellos auch der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr. Jetzt ist die erste umfassende Biografie über ihn erschienen. Es ist nicht nur ein Buch über ihn.

«Alles geht drunter und drüber, dabei wird jedoch köstlich Theater gespielt.» Ein Satz eines Theaterkritikers über sein abenteuerliches Leben und die damaligen unruhigen, aber auch lebenshungrig-neugierigen kulturellen Zeiten am Ende der Weimarer Republik.

Geschrieben hat das nach einer Berliner Premiere Alfred Kerr als einer der damals wohl einflussreichsten deutschsprachigen Kritiker. Es war kurz vor der Machtergreifung Hitlers und der fluchtartigen Emigration Kerrs, des «Vaters der modernen Kritik», wie er später auch genannt wurde. Marcel Reich-Ranicki hat ihn sehr verehrt.

Jetzt ist die erste umfassende Biografie Kerrs von Deborah Vietor-Engländer erschienen: eEine Fundgrube nicht nur für Theaterliebhaber. Seine Tochter Judith Kerr ist nach dem Krieg durch ihr autobiografisches Buch «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» bekannt geworden. Die jetzt erschienene Alfred-Kerr-Biografie erzählt äußerst lebendig und informativ in Selbstzeugnissen sowie Berichten von Weggefährten und anderen Zeitgenossen das Leben eines Publizisten, der mit wachen Augen die turbulenten Zeitläufe seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich beobachtete und daher auch immer mehr als «nur» ein Theaterkritiker sein wollte.

Seine «Briefe aus Berlin» für verschiedene Zeitungen und Reiseberichte (1997 von Günther Rühle herausgegeben) sind legendär, seine Begegnungen mit Freunden und Feinden ebenso. Es ist die Biografie eines leidenschaftlichen Theaterbeobachters, der am Totenbett von Henrik Ibsen stand, Bismarck noch die Hand gegeben hat, mit Émile Zola über Nietzsche und Wagner diskutierte und mit George Bernard Shaw engen Kontakt hatte.

Sein erster «Berliner Brief» von 1895 hatte dem «Kritikerkollegen» Theodor Fontane gegolten - «Diese unmoderne Persönlichkeit hat unglaublich moderne Ansichten.» Das war nicht der Regelfall, denn Kerr liebte die zugespitzte Feder, die oft auch bissig war, aber eben auch immer das offene Wort führte und kein «Drumherumreden» war. Dabei hat er nicht nur verletzt, sondern manchmal auch geirrt.

Mit Brecht konnte er wenig anfangen, der wiederum beleidigt war, weil Kerr auf sein ihm zugesandtes «Baal»-Manuskript nicht reagierte. Brecht nannte ihn einen «Menschen ohne Verantwortungsgefühl». Auch der legendäre «Theaterzauberer» Max Reinhardt war nicht Kerrs Fall, er war ihm «zu äußerlich». Dass auch große Geister sich manchmal als große Kleingeister gebären, zeigt die sogar gerichtliche ausgetragene Fehde mit dem österreichischen Kritiker und Satiriker Karl Kraus, bei der sich beide «nichts schenkten» und die heute nur peinlich berührt.

Eher lagen Kerr Männer wie Erwin Piscator, auch wenn das später ausufernde agitatorisch-politische Theater Kerr enttäuschte, der das Dichterwort und die «Schauspielerseele» letztendlich für das «Herz Thalias» hielt. Kerr war ein enthusiastischer Förderer des modernen Theaters und seiner neuen Autoren an der Jahrhundertwende wie Ibsen, Hauptmann, Wedekind und Schnitzler, was manchmal bis zu persönlichen Kontakten oder gar Freundschaften ging und was in der Kritikerzunft eigentlich als Tabubruch gilt. Aber Kerr half den aufstrebenden Autoren manchmal sogar bei ihren ersten Arbeiten.

Das tragischste Missverständnis bei den «Arbeits-Freundschaften» Kerrs war sicherlich der bei Kaiser Wilhelm II. verpönte Gerhart Hauptmann («Die Weber»), den Kerr als rebellischen Vertreter des Naturalismus verehrte und nach Kräften förderte und der ihn dann in der Hitler-Zeit als vermeintlicher «Hakenkreuzschriftsteller» schwer enttäuschte. Hauptmann sei bei dem «rüstigen Gaskammerbetrieb» im Dritten Reich «mäuschenstill» geblieben. Aber Kerr hatte sich auch menschlich getäuscht in seinem angeblichen Freund, der in seinem erst später zugänglich gewordenen Tagebuch wenig Schmeichelhaftes über den «schlesischen Ghettojuden» Kerr mit «journalistischem Leerlauf» äußerte und ihn gar im Nazi-Jargon als «Schmeißfliege» und «kleinen Judas» brandmarkte, wie es in der Kerr-Biografie heißt.

Auch in der Fehde mit Thomas Mann, den Kerr gerne «Thomas Bodenbruch» nannte, mangelte es nicht an Schärfe und Gehässigkeiten. In seiner Rezension über Manns «Tod in Venedig» meinte er, hier werde «Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht». Kerr hatte Manns frühen und missglückten Bühnenversuch «Fiorenza» nach der Premiere 1913 im Deutschen Theater in Berlin verrissen (womit er nicht alleine war) und nannte den Verfasser «ein feines Seelchen, dessen Wurzel ihre stille Wohnung im Sitzfleisch hat... Bei dieser Gattung bildet sich die Siegfried-Hornhaut nur an einer Stelle.»

Thomas Mann war zutiefst getroffen, wie es in der Kerr-Biografie dazu heißt. Er sprach von «giftigen Gejökel, dem der Ahnungsloseste die persönliche Mordlust anmerken muss: Was für ein Charakter!» Das sei «Psychologie der Niedertracht» eines «immer fertigen Journalisten», der nicht wisse, was es heißt, «eine Aufgabe auf den Schultern - vielleicht auf schmalen Schultern - zu tragen.»

Kerrs Bücher waren auf dem Scheiterhaufen der Nazis gelandet. In der Beurteilung Hitlers, dessen wahren Charakter beide früh erkannt hatten, waren sich beide einig gewesen, auch in seiner Gefolgschaft: «Hitler - das ist der Mob, der Nietzsche gelesen hat», meinte Kerr, der sich im englischen Exil entsetzt über die anfängliche Unterstützung Hitlers in der britischen Gesellschaft, besonders in der Aristokratie, zeigte.

Die detailreiche und gleichzeitig gut lesbare Biografie ist auch die Geschichte eines bedrückenden Emigrantenschicksals eines einstmals gefeierten Intellektuellen der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, der im Ausland kaum noch Arbeit fand. Bittere Armut und nackte Existenzangst (seine Frau dachte öfter an Selbstmord) erzwangen regelrechte Bettelbriefe Kerrs. «Man war bestallt, ein bisschen Papst mit Pensionsberechtigung», blickte Kerr bitter-ironisch auf seine erfolgreichen Berliner Jahre zurück. Jetzt machte sich das entsetzliche Gefühl, «nicht gebraucht zu werden», breit.

Auch der Sieg über Hitler-Deutschland verbesserte nicht mehr die Situation des einstigen Starkritikers Deutschlands. Und dennoch: Als er nach 14 Jahren 1947 wieder für fünf Tage in Deutschland war, notierte er: «Es ist ja doch nicht auszurotten, was man solange belacht und geliebt hat.» Im September 1948 erlitt Kerr nach einem Theaterbesuch in Hamburg einen Schlaganfall und setzte bald darauf seinem Leben selbst ein Ende.

- Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biografie, Rowohlt Verlag, Reinbek, 720 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-498 070 663.

Alfred Kerr

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erstellt am 19.Okt.2016 | 14:50 Uhr

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