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Kultur

26. September 2016 | 22:42 Uhr

Doppelpremiere : Erfolgreicher Neustart an der Wuppertaler Oper

vom

Die Oper Wuppertal hat ihr Tief überwunden. Nach der Zeit ohne Ensemble und ohne eigene Inszenierungen holte der neue Intendant Berthold Schneider zu einem Doppelschlag aus. Gleich zwei außergewöhnliche Premieren begeisterten das Publikum.

Die Wuppertaler Oper ist wieder da. Der Neustart mit einer Doppelpremiere unter dem neuen Intendanten Berthold Schneider ist geglückt.

Mit großem Applaus und lang andauernden Jubel feierte das Publikum im Opernhaus am Sonntag die Premiere von «Hoffmanns Erzählungen». Jacques Offenbachs einzige Oper war zweiter Teil des Doppelschlags, zu dem Schneider ausgeholt hat, um seine erste Saison markant zu eröffnen. Mit Steve Reichs «Three Tales» aus dem Jahr 2002 hatte Schneider zuvor am Samstag eine bahnbrechende experimentelle Video-Oper spielen lassen, die bislang nur auf Festivals und noch nie in einem Opernhaus aufgeführt wurde.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, als in Wuppertal der langjährige Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka zum Intendanten gemacht worden war. Mit seinen radikalen Sparmaßnahmen brachte er die Oper um ihr beliebtes Sängerensemble. Statt des bewährten und ambitionierten Repertoirebetriebs waren zwei Jahre lang nur noch Tournee-Produktionen zu sehen. Trotz heftiger Proteste von allen Seiten zog Kamioka sein Programm zunächst eisern durch, warf dann aber entnervt das Handtuch.

So blieb seinem Nachfolger Schneider lediglich ein für den Opernbetrieb mageres Jahr, um ein neues Ensemble aufzubauen und einen Spielplan zu entwickeln. Schneider meisterte die Herausforderung. Er engagierte ein neues Ensemble aus sechs festen Sängern und vier Sängern in Residenz und stellte ein neues Team hinter der Bühne zusammen. «Schon in der ersten Spielzeit soll klar werden, dass wir eine Richtung haben», hatte Schneider angekündigt. «Wir möchten hier über Oper in unserer Gegenwart nachdenken, und das nicht abstrakt, sondern gelebt.»

Mit der Doppelpremiere positionierte Schneider sehr klar die inhaltlichen Eckpfeiler, die sein Programm künftig prägen werden. Die Reich-Oper ist experimentell, während Jacques Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» ein Repertoire-Hit sind. Dass dabei vier namhafte Regisseure am Werk waren, ist ein Coup, den es so noch nie gab.

Der Minimal-Music-Pionier Steve Reich und die Videokünstlerin Beryl Korot schufen 2002 die einstündige Oper «Three Tales», in der die menschliche Stimme vor allem in Form von Video-Interviews vorkommt. «Three Tales» erzählen von drei einschneidenden Ereignissen des 20. Jahrhunderts: die Hindenburg-Luftschiff-Katastrophe, die Atombombentests auf dem Bikini-Atoll und das Klonen des Gen-Schafs Dolly.

Zu den prägnant komponierten Video-Sequenzen, deren Rhythmen und Wiederholungen sich an Steve Reichs Kompositionsprinzip orientieren, kommt eine Gruppe von Live-Musikern: Fünf Sängerinnen und Sänger und ein zehnköpfiges Instrumental-Ensemble. Das Publikum sitzt auf drehbaren Plastikstühlen in der Mitte der Bühne, während die Musiker an der Seite unter einer Leinwand positioniert sind. Reichs Video-Oper ist von beklemmender Aktualität, eindringlicher Dichte und wirkt taufrisch. Eine echte Entdeckung.

Viel Neues bei einem bekannten Werk konnte man auch bei «Hoffmanns Erzählungen» entdecken. Die Regisseure Charles Edwards, Nigel Lowery, Christopher Alden und Inga Levant wollten sich in Sachen Bildfantasie offenbar gegenseitig übertrumpfen. Nach dem turbulenten Prolog mit Burschenschaftlern und einer dauertrunkenen Dramaturgin setzt Nigel Lowerys Regie für den Olympia-Akt auf eine Art expressionistischer Comic-Optik. Das ist höchst effektvoll und zeigt Olympia endlich einmal nicht nur als harmloses Püppchen.

Christopher Alden zeigt den Antonia-Akt als bedrückendes Psychodrama in schwarz-weißer Ästhetik und Inga Levant schließlich verlegt den Venedig-Akt vom Bordell in ein bizarres Doktorspiel-Kabinett. Alle haben detailgenau mit den hoch motivierten Sängern gearbeitet, die auch stimmlich auf Metropolen-Niveau agieren und zu schönsten Hoffnungen Anlass geben. David Parry im Graben drängt rastlos vorwärts und entlockt dem Sinfonieorchester Wuppertal delikate Farben. Ein in jeder Hinsicht furioser Auftakt.

Spielzeitheft 2016/17 Oper

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erstellt am 19.Sep.2016 | 12:55 Uhr

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