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Kultur

30. September 2016 | 03:29 Uhr

Auf der Buchpreis-Longlist : Ein wuchtiges Werk - Hans Platzgumers «Am Rand»

vom

Der Österreicher Hans Platzgumer hat als Musiker 50 Alben und als Autor sieben Bücher veröffentlicht. Sein neuer Roman heißt «Am Rand». Ein großartiges Buch über einen stillen Mann, der im Leben nur eine Randnotiz war und wie aus dem Nichts zum Mörder wird.

Ein Mann am Rand: am Rand der Gesellschaft, am Rand seiner Belastbarkeit, und nun auch ganz real am Rand eines Steilabhangs in einer abgelegenen Gebirgsregion.

Er sitzt dort seit Sonnenaufgang und schreibt auf, warum er sich bei Sonnenuntergang in die Tiefe stürzen will. Wanderer, so hofft er, werden später seine Aufzeichnungen finden.

Die Jury hatte den 1969 in Innsbruck geborenen Autor und Musiker Hans Platzgumer auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gesetzt - völlig zu Recht zählt «Am Rand» damit zu den 20 besten Romanen der Saison. Obwohl nur gut 200 Seiten lang, entfaltet der Text eine enorme Wucht. Denn Gerold Ebner, der schreibende Selbstmörder am Abhang, hat zwei Menschen ermordet.

Gerold Ebner ist keiner, der aufbegehrt. Stoisch erträgt er die distanzierte Mutter und die Hänseleien der Mitschüler: Er ist das uneheliche Kind einer Prostituierten, die mit Frömmigkeit für seine Existenz büßt. In der draufgängerischen Jugend-Clique ist er ein Mitläufer. Im Job schlägt er sich als Gelegenheitsarbeiter durch. Gerold findet sich damit ab, eine Randfigur zu sein.

«Hitotsu», Erstens, ist jedes neue Kapitel überschrieben. Gerold und sein Jugendfreund trainieren Karate. In der Kampfkunst, bleut der Meister ihnen ein, ist jede Regel gleich wichtig. Mit immer neuem «Erstens» deklamieren sie die Regeln durch. «Os!», schreien sie nach jeder Anweisung: verstanden, wird gemacht, keine Nachfrage ist erlaubt, keine Widerrede wird geduldet.

Wie aus dem Nichts wird dieser stille Mensch zum Mörder: Erst erstickt er den bettlägerigen Großvater, der sich selbst «der Monarch» nennt, in Gerolds Kinderzimmer wohnt und dessen Mutter tyrannisiert, die als Jugendliche vor ihm ins Ausland geflohen war. Dann beendet er das Leben eines nach einem Arbeitsunfall elend vor sich hin vegetierenden Karate-Freundes - mit dessen Einwilligung zwar, aber ohne jegliche emotionale Regung.

r selbst wird aber auch Opfer. Seine Freundin, die Liebe seines Lebens, mit der er sich 20 Jahre lang als Zweier-Monade vor der Außenwelt verkrochen hatte, und das Kleinkind, das die beiden von einer Reise mitgebracht haben wie ein Urlaubssouvenir ... Aber nein, man sollte nicht zu viel verraten. Denn obwohl der Ausgang der Geschichte vom ersten Satz des Romans an klar ist, ist das Buch spannend bis zur letzten Seite.

Platzgumer ist als Musiker fast noch erfolgreicher wie als Autor. Er hat in Wien Musik und in Los Angeles Filmmusik studiert, schreibt Filmsoundtracks, gestaltet Musik für Hörspiele und Theaterstücke und veröffentlicht elektronische Musik. Er spielte in einer New Yorker Rockband, war Mitglied des Hamburger Punk-Kollektivs «Die Goldenen Zitronen» und wurde als Komponist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit einer Goldenen Schallplatte. Seine Diskografie listet 50 Alben auf - da nehmen sich sieben Bücher fast bescheiden aus.

Ganz en passant hat sich der Autor als Nebenfigur selbst in seinen Roman hineingeschrieben. «Der Platzgummer Hansi» (im Roman mit zwei «m») ist das Sujet des unvollendeten Romanprojekts der Hauptfigur. «Er war ein paar Straßen von mir entfernt aufgewachsen und als Jugendlicher nach Amerika ausgewandert (...) Danach verloren sich jegliche Spuren von ihm. Ideale Voraussetzungen, um entlang einer solch offenen Biografie eine Romanfigur zu entwickeln.»

- Hans Platzgumer, Am Rand, Paul Zsolnay Verlag, 208 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-5520-5769-2.

Zsolnay-Verlag

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erstellt am 20.Sep.2016 | 17:03 Uhr

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