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Kultur

08. Dezember 2016 | 23:01 Uhr

Kunstprojekt : «Doomocracy»: US-Wahlkampf als Gruselshow

vom

Im laufenden Wahlkampf zeigt das politische Amerika seine hässlichste Fratze. Dass «big politics» den Menschen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen, macht Pedro Reyes in einer Installation zum Thema - in einem Geisterhaus politischen Schreckens.

Sturmgewehre in Wohnzimmern. Polizisten in militärischer Kampfmontur. Ferngesteuerter Drohnenkrieg. Profitgier von Energiekonzernen. Hexenjagd auf Abtreibungs-Befürworter.

Ein sexistischer, fremdenfeindlicher Reality-Star auf dem Weg ins Weiße Haus: Die USA können ein furchteinflößender Staat sein, ein Land des Schreckens, in dem Gräueltaten unter dem Gedanken von Freiheit und Unabhängigkeit gutgeheißen werden.

«Doomocracy» hat Pedro Reyes diese Sicht einer dem Untergang geweihten Demokratie getauft, «doom» bedeutet Unheil und Verderben. Seine hässlichste Fratze zeigt dieses Land im Wahlkampf, in dem über Monate Ängste geschürt werden und oft auch Hass verbreitet wird. Pünktlich zum nahenden Gruselfest Halloween und dem bereits laufenden Gruselfest namens Präsidentschaftswahl hat der mexikanische Künstler Reyes seine Sicht auf die USA in ein Geisterhaus verwandelt.

Als «politisches Haus des Schreckens» definiert Reyes die Installation aus etwa einem Dutzend gespielten Szenen, durch die Besucher im Brooklyn Army Terminal in New York geführt werden. Die düsteren Lagerhallen, einst größtes Militärdepot der USA im Zweiten Weltkrieg, bilden dafür die ideale Kulisse. Begrüßt werden die Zuschauer von einer Freiheitsstatue auf einem Holzpanzer - nach Ansicht des 44-Jährigen das Trojanische Pferd des modernen Amerika, ein Geschenk an die Welt mit dem Ziel ideologischer Kriegsführung.

Ein Gruselkabinett ist «Doomocracy» tatsächlich, etwa wenn Polizisten einer schwer bewaffneten Spezialeinheit die Besucher stoppen, anbrüllen und durchsuchen. Oder wenn Hausfrauen zur Tupperware-Party laden, wo sie angesichts einer wachsenden Zahl von Einbrüchen in der Nachbarschaft die hübschesten Waffen der Saison vorstellen. Oder bei der Konferenz des Ölkonzerns Halliburton, bei dem der per Telefon zugeschaltete Vorsitzende dazu auffordert, die eigenen Kollegen fristlos zu kündigen. Oder in der Wahlkabine, wo die Stimmzettel kurz nach der Wahl geschreddert und zu Stopfmaterial für Kissen verarbeitet werden.

Vor allem dem US-Wahlkampf und dessen Protagonisten Hillary Clinton und Donald Trump hält der in Mexiko lebende Reyes immer wieder den Spiegel vor. Im Klassenzimmer, wo statt eines Lehrers ein virtueller Avatar vom Fernseher aus unterrichtet, läuft im Text-Banner am Bildschirmrand etwa die Definition des Wortes «Mauer» ab: Eine Konstruktion eben, um Menschen fernzuhalten. Der Seitenhieb auf Trump, der den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko fordert, ist nicht zu übersehen.

Absurd und beängstigend ist dieser Wahlkampf, an mancher Stelle aber auch zum Brüllen komisch. «Es gibt Elemente der Tragödie und Elemente des Humors», sagt Reyes der Deutschen Presse-Agentur. «Was einen zum Lachen bringt, lässt einen sich oft seltsam und unbequem fühlen, was eben auch Angst macht.» Auch er selbst habe Angst vor Politik, sagt Reyes. Politiker machten den Bürgern Angst vor Einwanderern, einem Atomkrieg, dem Klimawandel oder ihrem eigenen Konkurrenten, anstatt Ruhe auszustrahlen und den Menschen Hoffnung zu vermitteln.

Überspitzt zeichnet Reyes die Dystopie, zu der die USA sich mit etwas Pech entwickeln könnten oder teils schon haben: Nationalparks werden von privaten Konzernen verwaltet, die Luftverschmutzung führt zum Verkauf besonders reiner Luft aus dem Himalaya-Gebirge, angesichts der Erderwärmung stehen winzige Fläschchen Wasser für 500 Dollar zum Verkauf, Ärzte werfen mit Verschreibungen für Antidepressiva um sich, und Lebensmittelhersteller produzieren Särge aus Donut-Teig und mit Hamburger- oder Pizza-Aroma.

Die Präsidentschaftswahl wird zur Spielshow, wenn Besucher vor die Wahl gestellt werden, durch eine von drei Türen zu gehen: «Trump», «Clinton» oder «andere». Wer durch die dritte Tür geht, wird trotzdem von einem grinsenden Trump empfangen. Vielleicht wäre das alles gar nicht so schlimm, wenn die Vereinigten Staaten sich seltener zum größten Verfechter der Demokratie aufspielen würden, meint Reyes. «Wir haben die Idee satt, dass die Vereinigten Staaten die Meister der Demokratie und des Friedens sind.»

Als ein Zeuge Jehovas mit Kapuze im letzten Kapitel der Installation dann noch Flugblätter mit der Rollenbesetzung in «Doomocracy» verteilt, mag man seinen doppeldeutigen Satz fast wörtlich nahmen, den er einem zum Abschied ins Ohr flüstert: «Das Ende ist hier.»

Brooklyn Army Terminal

Doomocracy

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erstellt am 12.Okt.2016 | 10:47 Uhr

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