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Kultur

11. Dezember 2016 | 09:00 Uhr

Paulo Coelho legt nach : «Die Spionin»: Vom Leben und Sterben eines Erotikstars

vom

Wenn Mata Hari alle Schleier fallen ließ, lagen ihr mächtige Männer zu Füßen. Doch als sie in der Todeszelle saß, kam ihr keiner zur Hilfe. Paulo Coehlo schlüpfte in die Haut einer frühen Feministin.

Wenn Romane mit dem Ende beginnen, ist das oft ein Wagnis. Doch als Paulo Coelho sich an die Geschichte der Niederländerin Margaretha Geertruida Zelle machte, hatte er kaum eine andere Wahl.

Noch heute ist sie unter ihrem Künstlernamen Mata Hari weltbekannt. Und weithin bekannt ist natürlich auch, dass der angehimmelte Erotikstar in Frankreich wegen Spionage hingerichtet wurde.

«Muss ich das tragen?», lässt Coelho Mata Hari fragen, als man ihr vor der Hinrichtung die Augen verbinden will. Sorgfältig frisiert, in Seidenstrümpfen, mit Hut, Lederhandschuhe und Pelzmantel steht sie am 15. Oktober 1917 vor dem Erschießungskommando. «Mata Hari wurden weder die Augen verbunden, noch wurde sie gefesselt. Sie schaute die Vollstrecker ihres Todesurteils einfach nur ruhig an...»

Was für eine Frau, was für eine starke Persönlichkeit! Die Entscheidung des Bestsellerautors («Der Alchimist»), seinen Roman «Die Spionin» mit dem Tod der Heldin beginnen zu lassen, war zweifellos richtig. Denn wenn jemand so stirbt, wollen Leser unweigerlich mehr darüber wissen, wie er gelebt hat.

Das erzählt der Brasilianer, dessen Bücher sich in mehr als 80 Sprachen weit über 200 Millionen Mal verkauften, einmal mehr mit großer Meisterschaft. Und zwar aus der Ich-Perspektive: Coelho ist das Kunststück gelungen, sich in den Körper, vor allem aber in den Kopf Mata Haris hineinzuversetzen. Anhand eines fiktiven letzten Briefes aus dem Gefängnis blättert er das außergewöhnliche Leben der Frau mit dem selbstgewählten javanischen Namen vor uns auf, der «Auge des Tages» oder auch «Aufgang der Sonne» bedeutet.

Als junges Mädchen grauste es die Tochter eines Hutmachers bei der Vorstellung, Kindergärtnerin zu werden und ein absehbar eintöniges Leben in der nordniederländischen Provinz zu führen. Um dem zu entkommen, antwortete sie mit 17 auf die Heiratsanzeige eines viel älteren Offiziers und ging mit ihm in die damalige Kolonie Niederländisch-Indien (Indonesien). Der Ehemann erwies sich als Scheusal. Sie floh nach Paris, nahm ihren javanesischen Namen mit und ihre Kenntnis exotischer Schleiertänze.

Dass ihr die Männerwelt in der Metropole der Lichter und des Luxus zu Füßen lag, wenn sie diese Fertigkeit mit der Bereitschaft verband, alle Schleier vor ihrem gazellenhaften Körper fallen zu lassen, lernte Mata Hari rasch.

Später, als ihre Erotikstar-Karriere verblasste, diente sie sich Offizieren und Diplomaten im Pariser Grand Hotel an - als Kurtisane und auch als Spionin, sowohl für die Deutschen als auch für die Franzosen. Doch was sie für ihr Agentenhonorar zu berichten wusste, war nicht wirklich geheim und für die Auftraggeber weitgehend nutzlos, wie Jahrzehnte später aus den Akten hervorging. Dennoch schlachtete Frankreich ihre Festnahme propagandistisch aus, Mata Hari wurde zur gefährlichsten Spion des Deutschen Reichs hochstilisiert.

Schon in seiner Jugend, berichtete der 69-jährige Coelho in einem Interview des Diogenes-Verlags, habe Mata Hari ihn beeindruckt - als «eine der Ikonen der Hippiebewegung – das böse Mädchen, die Außenseiterin, die geheimnisvolle Fremde –, wir fandensie jedenfalls damals alle unglaublich faszinierend».

Vier Jahrzehnte später brachte sein Anwalt bei einem Abendessendas Gespräch auf die vielen zu Unrecht im Ersten Weltkrieg zum Tode Verurteilten, von denen man erst viel später nach Öffnung der Akten erfuhr, darunter jene vom Mata-Hari-Prozess. Bei Studium habe ihn vor allem überrascht, wie sich die Niederländerin, die immer wieder auch sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebte - darunter mit 16 durch einen Lehrer - «aus diesem Leben befreien und zu der werden konnte, die sie am Ende war», erzählte der Autor.

Mata Hari erlebte in der chauvinistisch aufgeheizten Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg Männer als selbstverliebte Angeber (darunter sogar Picasso), als Halunken, als Vergewaltiger, auch als Gönner und Förderer, aber nie als Partner, die Frauen gleiche Rechte zugestehen würden. «Ja, ich war eine Prostituierte - wenn man darunter eine Frau versteht, die Gunst und Juwelen als Gegenleistung für Zärtlichkeit und Lust entgegenimmt», lässt Coelho sie einräumen. Aber: «Verurteilt wurde ich nicht wegen Verbrechen, die ich tatsächlich begangen habe - und deren größtes es war in einer von Männern beherrschten Welt eine empanzipierte, unabhängige Frau zu sein.»

Coelho beweist mit «Die Spionin» auch Sinn für Timing und populäre Themen: 2017 ist «Mata-Hari-Jahr» mit ihrem 100. Todestag am 15. Oktober. Da wird sein Buch wohl nicht das einzige neue über diese schillerende Frauengestalt bleiben. Aber mit Sicherheit eines der besten.

- Paulo Coelho: Die Spionin. Diogenes Verlag, Zürich, 192 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-257-06977-8.

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erstellt am 29.Nov.2016 | 14:19 Uhr

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