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Kultur

03. Dezember 2016 | 07:47 Uhr

Zwischen allen Stühlen : Die große Verwirrung und die Suche nach dem «dritten Weg»

vom

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak mischt seit Jahren in der Literaturszene ihres Heimatlandes mit. Auch hierzulande ist sie längst keine Unbekannte mehr. In ihrem neuen Roman packt sie große Themen an - Glaube und Zweifel, Tradition und Moderne, kurz: polarisierende Weltbilder zwischen Orient und Okzident.

Peri sitzt im Range Rover fest, für sie geht es nicht mehr vor, nicht mehr zurück. Mega-Stau in Istanbul, es herrscht das Chaos. Sie ahnt weder, dass sie gleich ausgeraubt, noch dass sie im Kampf um ihre gefakte Designer-Handtasche in Lebensgefahr geraten wird.

Geht es Peri um die Tasche oder eher um das, was in ihr steckt: ihr einziges Erinnerungsfoto aus ihrer Studienzeit in Oxford? Die türkische Autorin Elif Shafak beantwortet diese Frage genauso wenig wie etliche andere auch in ihrem gerade in deutscher Übersetzung erschienenen Roman «Der Geruch des Paradieses».

Der Überfall ist der Punkt, an dem die Vergangenheit in die Gegenwart einsickert. Bald wird klar: So selbstbewusst und stark wie an diesem ganz normalen Frühlingstag im Jahr 2016, der in einem Fiasko auf einer dekadenten Dinner-Party in einer Villa am Bosporus enden wird, ist Peri auf jeden Fall zuvor nicht gewesen.

Aufgewachsen in einer Familie, in der täglich die Fetzen fliegen, wie die Leser in einem zweiten Erzählstrang erfahren, weil der Vater Kemalist und progressiv-säkular eingestellt ist, die Mutter hingegen fromme Dienerin des Allmächtigen Allah, ein Bruder Linker, ein anderer Ultra-Nationalist, sitzt Peri immer zwischen allen Stühlen.

Mit Mitte 30 scheint sie sich eingerichtet zu haben in ihrem finanziell sorgenfreiem Leben, ist Gattin, Mutter, kümmert sich um Arme, Alte und manchmal auch um verwahrloste Straßenkatzen. Sie gibt - zumindest in den Augen der anderen - das Bild einer «guten modernen Muslima» ab. Ihr Problem: Sie weiß nicht wirklich, was eine «gute moderne Muslima» überhaupt ist. Sie ist zerrissen. Nach fast 500 Seiten gesteht sie einer Freundin selbstkritisch: «Ich bin genau der Typ Frau, der ich nie werden wollte.»

Vor dem Hintergrund der sich derzeit täglich zuspitzenden politischen Lage in der Türkei erzählt die 45-jährige Autorin Shafak, die heute mit ihrem Mann und Kindern in London lebt, nicht nur die Geschichte einer jungen Intellektuellen, die nach eigener Identität, nach Wahrheit sucht, sondern zugleich das ihres Herkunftslandes, in dem Tradition und Moderne kollidieren, Weltanschauungen widerstreiten. Gibt es für ihre Anti-Heldin überhaupt einen «dritten Weg» in einem System festgefahrener Dualitäten?

Das Ende ist offen. Es bleibt jedoch Peris Erkenntnis, dass nur zwischen den Polen, dem Ja auf der einen und dem Nein auf der anderen Seite, «die Geister aus ihrer Materie und der Verstand aus seinem Körper» fliegen können. Ein lautes «Jein», so formuliert Shafak ihr Plädoyer für eine pluralistische Gesellschaft. Darüber hinaus ist ihr eine «großartige Abrechnung mit der türkischen Bourgeoisie» gelungen, die viele politische Entwicklungen erst möglich gemacht hat, wie auch die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» befand.

Tatsächlich ist ihr ein treffsicher formuliertes, tiefgründiges, manchmal verwirrendes, aber bis zuletzt spannendes Buch geglückt (die Autorin versteht sich bestens auf vage Andeutungen und Cliffhanging). Nach der letzten Seite, klappt man diesen Roman am besten kurz zu und fängt ihn gleich wieder von vorne an, um noch mehr darin zu entdecken.

- Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses, Kein & Aber, Zürich, 560 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3036-95752-4.

Der Geruch des Paradieses

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erstellt am 15.Nov.2016 | 15:16 Uhr

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