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Kultur

03. Dezember 2016 | 16:38 Uhr

„Anschläge von Drüben“ : Bunte Farbtupfer im grauen Alltag

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit „Anschläge von Drüben“ widmet sich das westdeutsche Museum Folkwang Plakaten aus der DDR

Farbenfroh und weltoffen. So präsentierte sich die DDR am liebsten. Ob mit multikulturellen Menschen auf dem Plakat für die Weltfestspiele der Jugend 1973. Oder auf der bunten Werbung der Luftverkehrsgesellschaft Interflug 1964. Über rosa und blauen Häusern, die sich ums Rote Rathaus in Berlin gruppieren, saust da ein schlanker Flieger über den Himmel.

Das malerische Plakat warb allerdings nur im Ausland um Fluggäste. Galt grundsätzlich Reisewerbung in einem Land mit Ausreisebestimmungen wie der Deutschen Demokratischen Republik doch als gar zu heikel.

Mit dem Museum Folkwang in Essen widmet sich jetzt ein renommiertes westdeutsches Museum Plakaten aus der DDR. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen. Zumal, wenn ein knalliger Titel gewählt wird wie „Anschläge von Drüben“. 25 Jahre nach dem Mauerfall will Kurator René Grohnert einen „distanzierten und vorurteilsfreien Blick“ auf die 30-jährige DDR-Plakatgeschichte wagen. Was ihm auch gelingt, wie man beim Rundgang durch die Ausstellung feststellt, die 100 Plakate zeigt, alle zwischen 1945 und dem Jahr 2000 entstanden. Eine knappe Tafel führt sachlich ins Thema ein. Ansonsten sprechen die Werke, die nach den Themen Propaganda, Produktwerbung sowie Kunst und Kultur gegliedert sind, für sich.

Ein bisschen bleibt bei dieser Zurückhaltung allerdings der Eindruck, dass die Ausstellungs-Macher in keines der üblichen Fettnäpfchen treten wollten. Darum haben sie sich mit der 1958 in Leipzig geborenen Sylke Wunderlich, die 2009 die Stiftung Plakat OST gründete, auch die nötige Ostkompetenz mit ins Boot geholt. Und das ist gut so! Immerhin, ein paar kleine Spitzen gibt es dann doch. Ist im Katalog noch zu lesen, dass bei Agitationsplakaten die „Bandbreite zwischen Kalter-Kriegs-Rhetorik und Propaganda“ in ihrer Vielfalt erstaunlich sei, so wird im Pressetext dann daraus, sie sei „sowohl in ihrer Vielfalt als auch ihrer Einfalt eindrucksvoll“. Das aber sind lediglich Kleinigkeiten. Ebenso wie die Tatsache, dass weder Plakate für Florena-Creme, Esda-Strümpfe, FeWa-Waschmittel oder DeDeRon-Stoffe gezeigt werden.

Sicher, ab Mitte der 1970er-Jahre gab es nur noch wenig Produktwerbung in der DDR, weil mit der Anordnung zum sparsamen Einsatz materieller Fonds für Werbung und Repräsentation kaum noch finanzielle Mittel dafür zur Verfügung standen. Um es mit den Worten von Kurator René Grohnert zu formulieren: „Denn wofür wirbt man in einer Planwirtschaft, die eine Mangelwirtschaft hervorbrachte? Der Widerspruch zwischen Vorzeigbarem und Erwerbbarem wurde zu groß und hätte letztlich wohl für mehr Verdruss als Motivation in der Gesellschaft gesorgt.“ Das ist sicher nicht falsch. So wenig Werbung für Waren, wie es in Essen den Anschein macht, gab es dann aber auch wieder nicht. Lange noch pries man sogar Trabant und Wartburg an, auf deren Lieferung der Normalbürger Jahre warten musste.

Nicht zuletzt durch den 1965 von Hellmut Rademacher ins Leben gerufenen Wettbewerb der „100 besten Plakate der DDR“ entwickelte sich in Ostdeutschland eine lebendige Szene, die, trotz begrenzter Papierkontingente und schlechter Druckqualität, beachtliche Werke hervorbrachte. Sie waren „bunte Farbtupfer im grauen Alltag“, wie es im Katalog so schön heißt. Vor allem im Kulturbereich, wo Künstler ohne Genehmigung Plakate produzieren durften, wenn sie nicht mehr als 100 Exemplare herstellten, entstanden bemerkenswerte Arbeiten. In Essen zeugen Schöpfungen von Manfred Butzmann, Lutz Dammbeck oder Matthias Gubig davon. Letzterer machte noch im Herbst 1989 ein Plakat, das heute wieder aktuell wird: Unter dem Slogan „Wir sind das Volk“ heulen da neben lauter Schafen auch ein paar schwarze Wölfe lauthals mit.

Manchmal gab es trotzdem Probleme mit Künstlerplakaten. So wie 1987, als Albrecht von Bodecker ein Motiv für die 750-Jahrfeier von Berlin entwerfen sollte. 40 000 Exemplare davon mussten nach dem Druck wieder eingestampft werden, weil der Künstler nicht nur die Westberliner Fahne über Ostberlin hatte wehen lassen, sondern am Rand auch noch einen Gepäckträger platziert hatte, auf dessen Koffer die Zahl 213 prangte. Die bezeichnete den Paragraphen für Ausreisewillige. Aus heutiger Sicht mutet es fast erstaunlich an, dass Albrecht von Bodecker sein Plakat selbst überarbeiten durfte. Der Westberliner Bär auf der Fahne wurde schnell mal zum Ostberliner gemacht, der Mann mit dem Koffer so an den Rand verschoben, dass die Zahl 213 nicht mehr zu erkennen war.



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