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Kultur

05. Dezember 2016 | 09:31 Uhr

Meister der Verfremdung : Avantgarde-Regisseur Robert Wilson wird 75

vom

Mit der «Einstein on the Beach»-Oper wurde Robert Wilson weltbekannt. Inzwischen gehört der vielfach preisgekrönte Texaner längst zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart. Jetzt wird er 75 Jahre alt - arbeitet ohne Unterlass und fördert die nächste Generation.

Auch an seinem Geburtstag will Robert Wilson natürlich arbeiten. Er fühle sich «großartig», wenn er an seinen 75. Geburtstag am Dienstag (4. Oktober) denke, sagte der Avantgarde-Regisseur der Deutschen Presse-Agentur.

«Ich werde feiern, indem ich 'Endgame' von Samuel Beckett am Berliner Ensemble probe.» Außerdem sind zwei große Partys mit Freunden und Publikum geplant: Am Abend von Wilsons Ehrentag im Haus der Berliner Festspiele und zwei Wochen später eine ganze Wochenend-Sause in New York inklusive der US-Premiere des Stücks «Letter to a Man». «Ich bin vom Glück gesegnet», sagt Wilson.

Seit rund einem halben Jahrhundert inszeniert Wilson auf den Bühnen der Welt und hat mit einigen der bekanntesten Dramatiker, Dichter und Performer zusammengearbeitet - darunter Heiner Müller, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Tom Waits und Marina Abramovic. Dutzende Auszeichnungen hat er für sein Werk bekommen, darunter das Bundesverdienstkreuz. Trotzdem habe er noch viel vor, sagte Wilson. Richard Wagners «Tristan und Isolde» und Wolfgang Amadeus Mozarts «Die Milde des Titus» wolle er unbedingt noch inszenieren, außerdem gerne ein neues Stück mit dem Musiker Tom Waits.

Wilsons berühmtestes Werk ist wohl bis heute die fünfstündige Inszenierung der Oper «Einstein on the Beach» gemeinsam mit Philip Glass. Der Regisseur gilt als Schöpfer genialer Bühnenwunderwelten. Für viele ist er ein Meister der Verfremdung von Natürlichkeit, der seine Zuschauer mit ritueller Langsamkeit und mysteriösem Bilderfluss zugleich verstört und bannt. Wilsons meist streng abstrahierendes, minimalistisches und zugleich berührendes Bildertheater, das mit beeindruckenden Lichteffekten arbeitet, ist bis ins Letzte durchchoreografiert.

Seine Vorliebe für assoziatives Bildertheater wird häufig mit einer Sprach- und Verhaltensstörung in seiner Kindheit in Verbindung gebracht. Robert wuchs als schüchterner, stotternder Außenseiter im tiefen Süden der USA auf. Sein Vater, ein erzkonservativer, streng religiöser Rechtsanwalt, hatte wenig Verständnis für das stille Kind. Die Mutter begegnete dem Jungen kühl und distanziert. Erst die Tanztherapeutin und Ballettlehrerin Byrd Hoffman brachte Wilson bei, Umwelteindrücke bedächtig und konzentriert aufzunehmen und sich auch beim Sprechen Zeit zu lassen.

Nach dem Schulabschluss studierte er zunächst Jura, stieg dann um auf Architektur und Kunst und ging nach New York. Nach seinem Outing als Homosexueller und dem Donnerwetter des Vaters versuchte er, sich das Leben zu nehmen, wurde aber gerettet. Ende der 60er Jahre gründete er die experimentelle Theatergruppe «Byrd Hoffman School of Byrds». Sein erster Erfolg außerhalb Amerikas war 1971 die Aufführung der siebenstündigen stummen Oper «Deafman Glance» in Paris. Ein Werk, das inspiriert war von seinem schwarzen taubstummen Adoptivsohn Raymond Andrews.

Auf Long Island betreibt Wilson seit einigen Jahren die Kunststiftung und Ideenfabrik «Watermill Center». Hier fördert er auch den Nachwuchs, was ihm nach eigenen Angaben sehr am Herzen liegt. Ansonsten ist sein Kalender bereits bis Oktober 2017 vollgeplant: New York und Los Angeles, aber vor allem Mailand, Berlin, Paris, Oslo, Aarhus, Bergen. In Europa verstehe man ihn und seine Kunst einfach besser als in seiner US-amerikanischen Heimat, sagt Wilson. Worauf er sich am meisten freue? «Auf einen Urlaub auf Bali im Dezember.»

Webseite von Robert Wilson

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erstellt am 03.Okt.2016 | 15:00 Uhr

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