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Kultur

03. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

John Eliot Gardiner : Auf der Suche nach dem Menschen Bach

vom

Die ganze Welt verehrt die Musik von Johann Sebastian Bach - doch über sein Leben weiß man wenig. John Eliot Gardiner nähert sich dem Menschen Bach auf einem naheliegenden und doch ungewöhnlichen Weg - über die Musik.

Sir John Eliot Gardiner (73) ist einer der großen Kenner alter Musik. Der britische Dirigent begründete das Monteverdi Orchestra und die English Baroque Soloists und war künstlerischer Leiter der Göttinger Händel-Festspiele.

Er gilt als einer der herausragenden Bach-Spezialisten weltweit, heute ist er Präsident des Leipziger Bach-Archivs. Mit «Bach. Musik für die Himmelsburg» legt er nun ein ungewöhnliches Porträt des Komponisten und Menschen Johann Sebastian Bach (1685-1750) vor.

Wer war dieser Mensch? Wenig mehr als bürokratische Schreiben und eine Handvoll Anekdoten sind über das Genie aus Eisenach bekannt - sein Leben «ist für uns in vielerlei Hinsicht bis heute kaum greifbar», muss selbst der Spezialist Gardiner einräumen. Er wählt deshalb einen anderen Weg und sucht den Menschen Bach in dessen Werk. In seinen Kantaten, Motetten, Oratorien, Messen und Passionen ließen sich nämlich Bachs Denkweise und seine Charakterzüge ablesen, sagt Gardiner. Er will den Leser daran teilhaben lassen, «wie es sich anfühlt, sich Bach als Ausführender und Dirigent anzunähern».

In 14 Kapiteln erzählt Gardiner dann auch eine Menge über sich selbst - wie er im englischen Dorset schon unter den Augen des Thomaskantors aufwuchs, dessen Bildnis in der elterlichen Wohnung hing, und wie er in jahrelanger Auseinandersetzung allmählich zum Musizieren auf barocken Originalinstrumenten fand.

Zugleich macht er seinen Lesern das Genie Bach vor dem Hintergrund seiner Zeit lebendig, beschreibt das weit verzweigte Musiker-Netzwerk der Familie Bach, Bachs Arbeitsprozess am Schreibpult in der Thomasschule, seine Schwierigkeiten mit dem Leipziger Rat, seine «Schockmethoden», mit denen er in seinen Kirchenkantaten die unaufmerksamen Leipziger Kirchgänger aufrütteln wollte.

Wie unter einem Brennglas analysiert er anhand der h-Moll-Messe Bachs Streben nach Vollkommenheit. Durch Bachs Musik, so ist Gardiner überzeugt, scheine seine Persönlichkeit durch, sie zeigt «seine tiefe Trauer und seine leidenschaftlichen Überzeugungen, aber auch sein Ringen mit dem Glauben, seinen immer wieder aufwallenden Zorn, seine subversive, rebellische Ader, seine Begeisterung für die Natur und seine hemmungslose Freude an Gottes Schöpfung».

Gardiners Buch ist eine Mischung aus Biografie, persönlicher Annäherung und musikwissenschaftlicher Auseinandersetzung. Es empfiehlt sich, während der Lektüre immer mal wieder in Bachs Musik reinzuhören - sonst ist es schwierig, die Schlussfolgerungen nachzuvollziehen. Für eine erste Orientierung über den Komponisten ist das Buch weniger geeignet, es richtet sich schon eher an Fortgeschrittene.

Freilich - wie viel ein Werk über dessen Schöpfer verrät, ob man daraus überhaupt die Persönlichkeit des Künstlers ableiten kann, das ist eine vieldiskutierte Frage, die auch Gardiner nicht beantworten kann. Was ihm aber überzeugend gelingt: Seine Liebe und Verehrung für Bach deutlich zu machen - den Komponisten, der «für uns die Stimme Gottes hörbar macht».

- John Eliot Gardiner: Bach. Musik für die Himmelsburg. Übersetzt aus dem Englischen von Richard Barth, Hanser Verlag (München), 760 Seiten, 34,00 Euro, ISBN 978-3-446-24619-5.

Hanser Verlag über das Buch

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erstellt am 29.Nov.2016 | 14:35 Uhr

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