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Kultur

10. Dezember 2016 | 21:28 Uhr

Posthumer Ruhm : Antiker Hochgenuss: «Augustus» von John Williams

vom

Cicero, Ovid und Tibull, Agrippa und Antonius. John Williams lässt in «Augustus» das Who's who des Alten Rom zu Wort kommen. Der Roman ist nach «Stoner» eine weitere brillante Wiederentdeckung des US-Autors.

Es soll eine der grandiosesten Fehleinschätzungen Ciceros werden: Caesar-Erbe Octavius habe «keine Ahnung von Politik, und das wird sich gewiss auch niemals ändern», schreibt der gewiefte römische Staatsmann an Brutus, den wohl bekanntesten der Mörder des Diktators.

Latinum hin oder her: Dieser Satz ist so nicht in den antiken «Epistulae ad Brutum» zu finden. Er stammt vielmehr aus der Feder des postum zum Publikumsliebling avancierten John Williams.

In seinem Briefroman «Augustus», der fast ein halbes Jahrhundert nach dem Original nun endlich auf Deutsch vorliegt, trifft der US-Autor genau den Ton des überzeugten römischen Republikaners. «Wir werden diesen Jungen benutzen», lässt er Cicero sagen, «um ihn später aus dem Weg zu räumen, damit fände dann die Erbfolge des Tyrannen ihr Ende». Doch im Niedergang der Republik kommen vielmehr er selbst und Brutus unter die Räder, Octavius hingegen wird später als Kaiser Augustus über vier Jahrzehnte die Geschicke des Reiches bestimmen.

Erst nach seinem Tod werden Williams (1922-1994) die Ehren zuteil, die ihm zeitlebens meistenteils versagt geblieben waren. Sein «Stoner» gehört lange zu den großen vergessenen Büchern. Der Campus-Roman von 1965 avanciert erst 2006 zum Bestseller. Ähnlich ignoriert wird Williams' letztes vollendetes Werk, auch wenn «Augustus» 1973 immerhin den renommierten National Book Award erhält.

«Schick den Jungen nach Apollonia», beginnt das Buch mit Caesar. Der Feldherr will, dass der 17-jährige Sohn seiner Nichte Atia, Octavius, dort Philosophie studiert und an seiner Rhetorik feilt - aber auch die Fähigkeiten im Kampf verbessert. «Du kennst meine Gefühle für den Jungen und auch die Pläne, die ich für ihn hege.» Anhand von Briefen und Notizen solcher Art hangelt sich Williams am Leben des ersten Kaisers Roms entlang. Es ist ein Stelldichein der damaligen Kultur-, Politik- und Militär-Elite: von Cicero und dem Octavius-Rivalen Antonius über die Dichtergrößen Vergil, Ovid und Horaz bis hin zu Tochter Julia, Ehefrau Livia und dem Freund und Feldherrn Agrippa.

Es ist paradox: Über Augustus ist einerseits viel, andererseits nur wenig bekannt. Williams setzt die Fragmente zu einem famosen Mosaik zusammen - und nimmt sich viel Raum für literarischen Mörtel. Ende der 1960er erhält er ein Stipendium, um in Italien zu recherchieren. Dort beginnt er, an dem Roman zu arbeiten. «Eine Seite am Tag war gut für ihn», hat Ehefrau Nancy einmal über sein Schreiben gesagt. «Zwei oder drei sogar ein Triumph. Das geschah aber nicht oft.» Dabei gelingt Williams ein ziemlich präzises Bild vom Aufstieg Roms zur politischen und kulturellen Weltmacht, die untrennbar mit der Festigung Augustus' als uneingeschränkten Herrscher einhergeht.

Beeindruckend ist sein Spiel mit der lateinischen Literatur. Einmal lässt er etwa Horaz - unter anderem bekannt für seine Lobpreisungen auf den Kaiser - an den jüngeren Liebeslyriker Tibull schreiben: «Bleibe bei den Gedichten über deine Delias, die dir so wohl gelingen.» Dem Kaiser sei es lieber, «ein gut geschriebenes Gedicht zu lesen als eines, das ihn rühmt». Fürwahr: In keiner der belegten Tibull-Elegien wird Augustus nur einmal erwähnt, die Angebetete des Dichters, Delia, umso öfter.

Stilistisch nutzt Williams die in der Antike gängige Form der Briefe. «Ich wollte, dass die Figuren sich selbst zeigen», erklärt er einmal. «Ich wollte nicht versuchen, sie zu deuten.» Damit erhält der Roman zugleich postmoderne Züge: Augustus selbst kommt kaum zu Wort, während seine Zeitgenossen die Umrisse des Herrschers immer stärker nachzeichnen. Zeitsprünge, Perspektivwechsel, Stilbrüche. Es ist ein Leckerbissen für Altphilologen. Dabei steht Williams in der Tradition eines gelehrten Dichters («poeta doctus»). Denn nur der Leser, der sich in den bedeutendsten Jahrzehnten des Römischen Reiches gut auskennt, dürfte die Fülle an Verweisen zu schätzen wissen.

Williams zeigt, wie Durchstechereien und Intrigen den Weg ins und das Prinzipat selbst markieren, wie der Mensch Augustus dem Politiker Augustus unterworfen ist. Im letzten Brief des Romans (40 Jahre nach seinem Tod) schreibt sein Leibarzt an den Nero-Berater Seneca, das Reich habe die Grausamkeiten und Unfähigkeiten der Nachfolger Tiberius, Caligula und Claudius überdauert. Die Hoffnung sei, dass Rom nun «unter Kaiser Nero endlich den Traum des Octavius Cäsar erfüllen möge». Mit dem Wissen um die Gräuel dieses letzten Vertreters der Augustus-Dynastie klingt das schon fast grotesk.

John Williams: Augustus. dtv, München, 480 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-423-28089-1

dtv über «Augustus»

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erstellt am 05.Okt.2016 | 19:27 Uhr

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